CHRISTIAN RIECHERS

KOMMENTAR ZU BORDIGAS BRIEF*

 

 

 

Der oben abgedruckte Brief Bordigas an Korsch wird in einer Situation geschrieben in der sich die Niederlage der internationalen kommunistischen Linken innerhalb der Dritten Internationale schon deutlich abzeichnet. Die Kommunistische Internationale auf den Weg zurückzuführen, den sie sich bei ihrer Gründung selbst vorgezeichnet hatte: sich zu einer Weltpartei zu konstituieren, die "die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen", "stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten" sollte ÷ dieser Versuch der westeuropäischen internationalistischen Kommunisten scheitert, bevor er überhaupt richtig in Gang kommt. Zwei Jahre später, im Sommer 1928, erfolgt von Rußland aus der dann endgültig letzte Versuch der entschieden internationalistischen Richtung, innerhalb der Komintern zu Wort zu kornmen. Der aus der Partei ausgeschlossene Trotzki schreibt ist der Verbannung in Alma-Ata einen Gegenentwurf zu dem von Bucharin für den 6. Weltkongreß der Komintern verfaßten Programm (Trotzki: Die Dritte Internationale nach Lenin). Nur wenigen Delegierten aus dem Ausland gelingt es, diesen zudem noch unvollständig übersetzten Text während des Kongresses zu erhalten, der auf die Diskussionen dieser Tagung keinen Einfluß mehr nehmen kann. Ein Jahr nach dem 6. Weltkongreß, am 3. Juli 1929, verliert Bucharin den Vorsitz im Exekutivkomitee der Komintern. Mit ihm verschwindet die Richtung jenes gebrochenen Internationalismus aus der Komintern, die zwar der Arbeiter-Bauern-Smyčka zuviel konzedierte, doch kaum die Lektionen Lenins in Sachen Internationalismus všllig zu verdrŠngen vermochte. Erst die parallel anlaufenden und sich miteinander verschrŠnkenden Bewegungen der Zwangskollektivierung der Bauern und der forcierten Industrialisierung, die Rußland in die gewaltige gesellschaftliche und politische Krise des zweiten Anlaufs zur ursprünglichen kapitalistischen Akkumulation stürzen, machen die Kommunistische Internationale endgültig zu dem, was ihr oftmals schon als konstitutives Merkmal für die Jahre vorher zugeschrieben wird: eine von der Indifferenz gegeneinander bestimmte lockere Vereinigung nationaler kommunistischer Parteien, gegängelt, wenn es die Lage erfordert, von den außenpolitischen Erfordernissen eines russischen Staates der sich in Riesenschritten von seinem Ursprung als erster Proletarischer Diktatur entfernt.

Der kurze Briefwechsel Korsch÷Bordiga beschränkt sich al Wahrscheinlichkeit nach auf ein Anschreiben Korschs da bisher noch nicht aufgefunden wurde, sowie auf die hier wiedergegebene Antwort Bordigas. Korschs Brief an Bordiga ist mit Sicherheit kaum vor dem 20. Oktober 1926 geschrieben worden. Am 16. Oktober erklären die Führer der linken Opposition Trotzki, Sinowjew, Kamenjew, Pjatakow, Sokolnikow und Evodkimow (zunächst mit Ausnahme von Schljapnikow und Medwedjew, die am 29. Oktober ihnen folgen müssen), "alle fraktionistischen Elemente aufzulösen, die sich um die Programme der Opposition gebildet haben", und verpflichten sich, ihre Auffassungen nur in dem von den Parteistatuten und den Entscheidungen von Parteitag und Zentralkomitee abgesteckten Rahmen zu vertreten, "überzeugt, daß alles, was an diesen Auffassungen richtig ist, von der Partei im weiteren Verlauf ihrer Arbeit angenommen wird. Das Organ der Korsch-Gruppe, die Kommunistische Politik (Nr. 18, Mitte Oktober 1926), erklärt sich im Artikel ­Der Kampf der Linken um die KominternĪ in scharfer Form gegen diese "Kapitulation" und fordert "schonungslose Entlarvung und Bekämpfung aller jener zweideutigen Gestalten in Rußland und in allen anderen Sektionen der Komintern, die heute ihre tatsächliche Kapitulation vor der Rechten durch die Phrase verbrämen, daß sie ihren bisherigen ­linkenā Auffassungen ­treu bleibenā, und die gerade dadurch zu den gefährlichsten Helfershelfern der rechten Liquidatoren werden". Aus der Antwort Bordigas geht hervor, daß ihm diese Stellungnahme mitgeteilt wurde und daß er sie nicht teilt. Sein Brief vom 28. Oktober muß wenige Tage später schon bei Korsch eingetroffen sein, vorausgesetzt, daß die Nr. 19 der Kommunistischen Politik tatsächlich "Anfang November 1926", wie als Erscheinungsdatum angegeben, auch erschienen ist. In dieser Nummer findet sich eine Vorbemerkung zu Aus der Plattform der Bordigisten, die wohl von Korsch stammt und in der wörtlich ein Satz erscheint, der sich in Bordigas Brief findet (am Ende des dritten Absatzes): " [...] daß Genosse Bordiga von Anfang an danach gestrebt hat, seine politische Linie zu einer wahrhaft allgemeinen und nicht im schnellen Wechsel den jeweils wechselnden Lagen sofort angepaßten linken Linie auszubauen, die ihren Zusammenhang mit sich selbst durch die verschiedensten und zeitlich weit auseinander liegenden Phasen und Entwicklungsstufen bewahrt."

Der Brief Bordigas wurde im Jahre 1928 zum ersten Male in der Zeitschrift Prometeo veröffentlicht, dem in Brüssel erscheinenden theoretischen Organ der in der französischen und beIgischen KP organisierten italienischen linken Kommunisten, die sich zu dieser Zeit zu einer eigenständigen Fraktion konstituierten. Bordiga wurde in den Tagen nach dem 8. November 1926, als sämtliche nich tfaschistische Parteien in Italien verboten wurden, von den Faschisten verhaftet und bald darauf in die politische Verbannung geschickt, die er bis 1930 auf verschiedenen Mittelmeerinseln verbrachte. 1930 wird Bordiga aus der KP Italiens aus-geschlossen, weil er sich weigerte, der von den Stalinisten geforderten Verdammung Trotzkis zuzustimmen.

Korsch hatte in seinem Brief an Bordiga vorgeschlagen, gemeinsam mit den italienischen Linkskommunisten die Initiative zur Gründung einer internationalen linken Fraktion zu ergreifen. In deklamatorischer Form wird die Forderung, eine neue Zimmerwalder Linke zu bilden, bereits Mitte August 1926 in der ­Erklärung der Linken zur Krise in der KPSU und in der KominternĪ (Kom. Pol., Nr. 13/14) erhoben. Im Heft zuvor (Nr. 11/12, Anfang August 1926) werden die möglichen Verbündeten genannt: "Es ist keine Frage, daß die wirklichen Linken, die Bordigisten in Italien und Frankreich, die Entschiedenen Linken in Deutschland und alle in der gleichen, entschiedenen linken kommunistischen Klassenfront stehenden Gruppierungen in Polen, Holland und anderen Sektionen der Komintern in diesen Kampf hineingehen werden mit aller ihrer Kraft." Bordigas Name taucht in den Stellungnahmen Korschs und seiner Gruppe immer wieder auf. In seinem Referat ­Der Weg der KominternĪ stellt Korsch Sinowjew und Bordiga gegenüber. Sinowjew "bekämpft innerhalb der russischen Partei die Tendenz zur nationalen Beschränkung, aber er beschränkt diesen seinen Kampf selbst national, indem er seinen Kampf gegen die opportunistische Entartung und Liquidierung des revolutionären Kommunismus nicht auf das internationale Kampffeld überträgt. [...] Einzig der Genosse Bordiga hat auf der letzten Tagung der Erweiterten Exekutive den Kampf gegen die Entartung des Kommunismus und die Liquidierung der kommunistischen Partei im Weltmaßstab aufgenommen. In ihm erblickt die entschiedene und klare linke Opposition in Deutschland einen wirklichen Bundesgenossen."

Es mag in diesem Zusammenhang unwichtig sein, daß Korschs persönliche Sympathien für Bordiga noch dadurch verstärkt wurden, daß Bordiga Korsch auf der 6. erweiterten Exekutivsitzung der Komintern im Februar/März 1926 vor den Angriffen der russischen und deutschen Delegierten in der deutschen Kommission in Schutz nahm, ohne sich jedoch mit dessen Positionen völlig zu solidarisieren. Von Bucharin im PIenum darauf angesprochen, sagt Bordiga: "Ich habe protestiert gegen die Methode des Kampfes, wie sie in der Resolution angewendet wurde, die Methode, einzelne Zitate von Genossen aus dem Zusammen-hang herauszunehmen, um damit ihre abweichende Linie zu beweisen. Ich glaube, daß diese Kampfesweise für eine ideologische Aufklärung der Massen nicht nützlich ist. Im weiteren habe ich mich in der Kommission gegen die übertriebene Anwendung des ideologischen Terrors gewendet, d.h. dagegen, daß man bei jeder Gelegenheit vor die einfachen Parteimitglieder hintritt und ihnen sagt, bevor man sie über gewisse politische Fragen aufgeklärt hat, daß, wenn sie sich gegen den politischen Inhalt der Fragen, wie er vom Zentralkomitee oder von der Exekutive dargestellt wird, erklären, sie dann Feinde der Exekutive, Feinde des Kommunismus usw. seien. Es genügt nicht, daß man erklärt, daß man eine Unterscheidung zwischen den linken Führern und den linken Arbeitern macht, man muß mit dieser Methode des ideologischen Terrors brechen und dazu übergehen, vor den Arbeitern wirklich den politischen Inhalt klarzulegen" (Prot. 6. erw. Exekutive, Hamburg/Berlin 1926, S. 577)

Ob Korsch außer Bordigas Reden vor der erweiterten Exekutive und der von der Kommunistischen Politik mehrfach in Auszügen abgedruckten, gegen Ende 1925 verfaßten ­Thesen der LinkenĪ die auf dem 3. Parteitag der KP Italiens in Lyon Januar 1926 und auf dem Parteitag der KP Frankreichs in Lille im selben Jahr vorgelegt wurden, noch andere vorherige Stellungnahmen Bordigas gekannt hat, ist schwer zu sagen. In der Vorbemerkung zur Plattform des Bordigismus betont Korsch, "daß wir uns nicht mit der Stellungnahme des Genossen Bordiga zu allen diesen politischen und taktischen Streitfragen innerhalb der Komintern solidarisieren wollen". Wo jedoch die Divergenzen liegen könnten, darauf geht die Kommunistische Politik nicht ein.

Dies im nachhinein zu tun, erforderte eine detailliertere, die Geschichte der gesamten Linken in der Komintern erfassende Untersuchung, die hier nicht erfolgen kann. Nur soviel sei zu Korsch und seiner Gruppe gesagt: bei aller scharfsinnigen Analyse der Ereignisse des Jahres 1926, in die die Komintern innerhalb und außerhalb Rußlands verwickelt ist, kommen sie zu politischen Schlußfolgerungen, die ultimatistisch genannt werden könnten. Dies zeigt sich etwa in der zuvor zitierten Stellungnahme zur ­KapitulationĪ der vereinigten russischen Opposition im Oktober 1926 und in besonders krasser Form in der Frage der Diskussionsfreiheit innerhalb der Komintern:

"Wir haben in Wirklichkeit von Anfang an die Freiheit der Diskussion nur für die Kommunisten, nur für die Verteidiger der revolutionären, kommunistischen, marxistischen Leninschen Grundsätze gefordert. Es fällt uns nicht ein, die Freiheit der Diskussion und die Freiheit der Fraktionsbildung auch für die Rechten, die Vertreter der Bourgeoisie in den Reihen der Arbeiterklasse und in den Reihen der revolutionären Arbeiterklassenpartei der Kommunisten zu fordern" (­Gegen die Liquidatoren. Gegen den MenschewismusĪ, in: Kom. Pol., Nr. 11/12, Anfang August 1926). Diese apodiktische Disqualifizierung der rechten Kommunisten ist nur verständlich, wenn wir sie auf der Folie der kruden, von der Agententheorie gesättigten, in übler Form personalisierenden Polemiken sehen, die in die Diskussionen der Komintern hineingetragen zu haben wohl mehr das triste Verdienst der KPD als ihrer gewijl nicht zimperlichen russischen Lehrmeister gewesen ist.

Für die theoretische Diskussion ungleich wichtiger ist die enge Korrelation zwischen der Behauptung, die rechten Kommunisten seien Vertreter der Bourgeoisie in den Reihen revolutionärer Arbeiterklassen-Parteien, und der Feststellung, die russische Revolution sei eine bürgerliche Revolution. (Es ist zu vermuten, daß dieser letzte Satz in dieser ausschließlichen Form in dem verschollenen Brief Korschs an Bordiga enthalten ist. In der ­Erklärung der LinkenĪ steht in einem Kontext, der die Möglichkeit der reinen proletarischen Revolution zu Anfang der russischen Revolution postuliert: "so zeigt sich mit der vorübergehenden Zurückwerfung der revolutionären Bewegung des internationalen Proletariats immer deutlicher der radikal-bürgerliche Charakter der ÷ im Umkreis der kapitalistischen Weltwirtschaft allgebliebenen ÷ russischen Revolution.") Heutzutage, nachdem der Zyklus der russischen Revolution sich auf so tragische Weise vollendet hat, können die oben angeführten Sätze mit ausreichenden Beweisgründen vertreten werden. In der damaligen Situation ledoch führten sie in eine Art selbstprovozierte Isolierung, und das nicht allein, weil ihr Aussprechen gegen die Regeln der innerparteilichen ­Diplomatie' verstieß, den vordergründigen Verdacht stützten, dem Arsenal der KAPD zu entstammen, sondern weil sie in der spezifischen Situation einfach noch nicht theoretisch stimmig waren. Ihre inadäquatheit ist der marxistischen Theoriebildung immanent und nur mit großer Umsicht zu vermeiden. Sind die kämpferischen, einem nur kontemplativen Marxismus abholden Marxisten bemüht, "theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus" zu haben, so bemerken sie dabei häufig nicht, daß sie tendenzielle und damit notwendig isolierte Entwicklungslinien als bereits verwirklicht und die Gesamtheit der Verhältnisse bestimmend ausgeben.

Die damalige Situation war noch zu unbestimmt, die revolutionäre Linke sich selbst über die kommende Wende im unklaren. Bordiga, der nur in der Karikatur des ultralinken Utopisten in der bisher noch kaum ausreichend durchforschten Geschichte der Kommunistischen Internationale bekannt ist verhielt sich in Wirklichkeit zeitlebens politisch weitaus umsichtiger und die Verhältnisse analysierend einsichtiger, als einem Ultralinken gemeinhin zugeschrieben wird. Der Brief an Korsch zeigt dies an. Im Gegensatz zu vielen, die erst unter dem Eindruck der russischen Revolution zur revolutionären Linken stießen, gehörte der 1889 geborene Bordiga dieser Richtung schon vor dem I. Weltkrieg als Sprecher des linken Flügels der italienischen ­JusosĪ an. Er zählt gerade 26 Jahre, als er nahezu gleichzeitig mit den Bolschewiki um Lenin eine neue Internationale fordert: "Indem wir nicht so sehr den kommenden bürgerlichen Frieden als die neue proletarische Internationale verfechten, welche, die Krise der kapitalistischen Welt beschleunigend, die Durchführung des maximalen kommunistischen Programms in Angriff nehmen wird, haben wir das Gefühl, dabei nicht abwesend zu sein, auch wenn unsere heutigen Kräfte nicht unserem Wunsch entsprechend sind." (­La falsificazioneĪ, in: Avanti!, 13.4.1915.) Als die Kommunistische Internationale gebildet wird, die Sozialistische Partei Italiens ihr als eine der ersten Parteien beitritt, kämpft Bordiga innerhalb der von ihm geführten kommunistisch-abstensionistischen Fraktion für die Trennung vom reformistischen Flügel, gegen die sich die maximalistische Parteiführung um Serrati sträubt, um die Partei in der revolutionären Krise der Nachkriegszeit auf die Höhe der sie erwartenden Aufgaben zu bringen. Gleichzeitig erweist er sich auf den Seiten des seit Ende 1918 erscheinenden Fraktionsblatts Il Soviet als ein scharfer Beobachter der revolutionären Bewegung außerhalb Italiens, und was ihn dabei auszeichnet, ist gerade eine sich klar abgrenzende, auf einem tiefen Verständnis der marxistischen Grundpositionen beruhende Analyse der von der russischen Revolution ebenso rasch begeisterten wie gleich wieder enttäuschten anarchistischen, syndikalistischen, ultra-kommunistischen und räte-fetischisierenden Strömungen, mit denen ihn ein mehr als ein halbes Jahrhundert altes Vorurteil noch immer in einen Topf wirft.

Als im Januar 1921 die kommunistische Partei Italiens gegründet wird, deren unbestrittener Führer Bordiga bis 1923 de facto als Sekretär und nach seinem ÷ auf Differenzen mit der Komintern beruhenden ÷ freiwilligen Rücktritt dem Einfluß nach noch einige Jahre weiter ist, ist es zu spät für sie, in die bereits abgeebbte revolutionäre Krise einzugreifen, zu spät auch, um mit den wenigen Kräften dieser kleinen Partei den Widerstand des Proletariats gegen die kombinierte Offensive von Staat, Großkapital und den von beiden ausgehaltenen und tatkräftig unterstützten faschistischen Banden im großen Umfang zu organisieren. Die Erfahrungen im Kampf gegen den Faschismus und aus den Auseinandersetzungen mit den mehr als hilflosen Antifaschisten der sozialistischen Partei und Gewerkschaftsführung, die die kommunistischen Linken in die Komintern einbringen wollen (vgl. dazu die beiden Referate Bordigas über den Faschismus auf dem 4. und 5. Weltkongreß), werden kaum zur Kenntnis genommen. Es ist bezeichnend, daß auf dem 5. Weltkongreß 1924 eine Diskussion über die beiden Referate von Bordiga und Freimuth über den Faschismus per Tagesordnung überhaupt nicht vorgesehen ist.

Die Kommunistische Internationale bedeutet für Bordiga weit mehr als eine passive Akklamationsinstanz für die von ihm im Grundsätzlichen geteilten programmatischen Proklamationen der aus einer siegreichen Revolution hervorgegangenen russischen Führer. Schon frühzeitig sieht er die Gefahren, auf die die Linken wie Korsch seit 1925/26 verstärkt hinweisen:

"Das Rußland der Sowjets fühlt nach so vielen durchgehaltenen heroischen Kämpfen, nach so vielen an Wunder grenzenden Opfern das notwendige Bedürfnis, in jener Spannung nachzulassen, zu der sie durch die Notwendigkeit verpflichtet ist, in jedem Augenblick gezwungen zu werden, einen neuen Angriff durch seine äußeren Feinde zu bestehen. [...] Es wird deshalb dazu geführt, die offizielle Anerkennung von seiten der Ententemächte zu erhalten auf der Basis der gegenseitigen Verpflichtung, sich nicht in die inneren Angelegenheiten einzumischen, sich mit diesen in ein Verhältnis zu setzen wie ein Staat, der außer durch seine innere Ordnung nicht verschieden von ihnen ist. Rußland wird daher die verschiedenen der Dritten Internationale angehörenden Parteien drängen, damit sie indirekt auf die bürgerlichen Regierungen Druck ausüben vermittels des Einflusses, den sie in den gesetzgebenden Versammlungen ausüben können. Daher rät es zum Gebrauch legaler Mittel, vor allem zur Ausnutzung der parlamentarischen Aktion.

Diese taktische Richtung, gerechtfertigt durch die Notwendigkeit des Durchhaltens, tritt in Widerstreit mit der Richtung, die die Kommunisten dort verfolgen müssen, wie sie sich auf ihre spezifische Funktion vorbereiten müssen: auf die gewaltsame Niederschlagung des bürgerlichen Regimes. Über diesen jetzt erst embryonal vorhandenen Zwist wird die Dritte Internationale entscheiden müssen." (­II pensiero del partito indipendente tedescoĪ, in: II Soviet, 25. 4. 1920.)

Mit diesen kurzen Sätzen deutet Bordiga bereits lange vor der offiziellen Einführung der NEP auf den Widerspruch hin, der das Verhältnis des russischen Staates zur III. Internationale bestimmen wird, die ÷ was Bordiga von Anfang an betont ÷ als Weltpartei diesem Staat stets übergeordnet zu sein hat. Im Bewußtsein dieses Widerspruchs kämpft er innerhalb der Komintern für die präzise Ausarbeitung taktischer Leitsätze für die Sektionen in den Ländern Europas, in denen der Kapitalismus und vor allem das parlamentarisch-demokratische System sich gegenüber älteren ökonomischen und Herrschaftsformen seit langem durchgesetzt haben, um einen Rückfall in die reformistische Praxis der II. Internationale zu vermeiden. Seine Auseinandersetzungen mit Lenin und Bucharin auf dem 2. Weltkongreß in der Frage des Parlamentarismus, sein Kampf gegen die unklaren Formulierungen der Einheitsfronttaktik und schließlich seine erbitterte Kritik an der Bolschewisierungstaktik der Nachfolger Lenins sind nicht zu verstehen als ein Votum für einen besonderen westeuropäischen Weg zum Sozialismus, sondern vielmehr als ein kritischer Beitrag zum erfolgreichen Aufbau einer straff zentralisierten kommunistischen Weltpartei.

Straffe Zentralisierung ist jedoch für Bordiga nicht gleichbedeutend mit einem auf Kadavergehorsam aufgebauten Kasernenhofparteikommunismus. Die Form des Zentralismus, die er vertritt, ist nicht die eines rigiden hierarchischen Aufbaus, in dem nur die >Oberen< das Sagen haben und die Basis sturer Befehlsempfänger ist. Sie ist das Gegenteil dessen, was er auf dem 5. Weltkongreß 1924 kritisiert: "Es wäre notwendig, daß wir die Tätigkeit und die Taktik der gesamten Internationale, den Bericht ihres höchsten Organs, der Exekutive, über ihre Tätigkeit zwischen den beiden Kongressen, besprechen. Es wäre notwendig, die Tätigkeit, das Werk des leitenden Organs der Internationale einer sehr aufmerksamen Prüfung zu unterziehen. In Wirklichkeit sehen wir aber, daß nicht über die Exekutive zu Gericht gesessen wird, sondern daß stets die Exekutive hier über jede Partei, über jede Sektion zu Gericht sitzt. Und die Redner, die auf dem Internationalen Kongreß sich im Namen einer Sektion der KI an dieser internationalen Aussprache beteiligen, kümmern sich fast stets bloß um die Angelegenheiten ihrer Partei und antworten lediglich darauf, was der Genosse Sinowjew in bezug auf die Angelegenheiten der betreffenden Partei sagt. Die Redner bleiben stets in den durch die nationalen Angelegenheiten gezogenen Schranken. Wir sehen aber keine Aussprachen und Resolutionen wahrhaft internationaler Natur, in welchen die Massen der Mitglieder der KI im Wege der Delegierten zu dem Werk, der Tätigkeit des leitenden Organs in der Periode, die geprüft werden soll, Stellung nehmen würde" (Protokoll 4. Weltkongreß S. 395).

Bordiga hat sich stets frei von jeglicher Denunziation gehalten, die einzelne Personen oder Gruppen für angebliche oder wirkliche politische Fehler verantwortlich macht.

Während sich die Kominternführung und vor allem die heterogene Linke der KPD befleißigen, den rechten ­Brandlerismusā zum alleinigen Sündenbock für die unglückselige Politik des Jahres 1923 zu machen, erklärt er lapidar: "Wenn wir nun diese Erfahrungen mit Nutzen liquidieren wollen, so müssen wir klar sagen, daß diese Illusionen nicht die persönlichen Illusionen dieses oder jenes Genossen von der Zentrale der KPD waren, sondern die Illusionen der großen Mehrheit der Internationale und selbst der Leitung der Kommunistischen Internationale" (ebd., S. 399). Es ist klar, daß die raubauzige KPD-Linke, mit der Bordiga auf seiner Reise zum Weltkongreß in Berlin 1924 zusammentraf, um ein gemeinsames Vorgehen in Moskau abzusprechen, mit einem solchen Mann nicht konform gehen konnte.

Auf eben diesem 4. Weltkongreß, wo das >Modell< der russischen Revolution, des russischen Parteiaufbaus und des noch unkanonisierten, den >Sozialismus in einem Land< strikt ausschließenden Leninismus zur verbindlichen Richtschnur für alle übrigen Sektionen der Komintern erhoben werden, weist Bordiga auf den engen Zusammenhang von russischer Revolution und internationaler Emanzipationsbewegung des Proletariats hin. Die bolschewistische Partei habe "von dort schöpfen können, wo es einen hochentwickelten Kapitalismus, ein entwickeltes Proletariat und die wahre revolutionäre Theorie gab. Diese Theorie wurde in großartiger Weise dort angewendet, wo die größte Wahrscheinlichkeit für einen Mißerfolg bestand, und sie gab einen schlagenden Beweis ihrer Richtigkeit. Dies war eine grandiose Probe und der wahrhaft gewaltige Beitrag des Bolschewismus zur Sache des Weltproletariats zuerst in der Epoche der russischen Revolution und dann in den ersten Jahren des goldenen Zeitalters der Internationale." Der bolschewistischen Partei sei es gelungen, eine "Synthese der besonderen Entwicklung Rußlands mit den revolutionären Erfahrungen der ganzen Welt zustande zu bringen". In diesen Worten Bordigas ist eine Relativierung der besonderen russischen Erfahrungen, weil sie ja Teil der säkularen allgemeinen, in den theoretischen Sätzen des Marxismus festgehaltenen Erfahrungen des Weltproletariats sind, enthalten, und dies bedeutet zugleich eine dezidierte Ablehnung des russischen >Modells<.Das >goldene Zeitalter der Internationale< neigt sich aber für Bordiga dem Ende zu, ist vielleicht schon vorüber. Die russische Partei ist in der Krise: "Ich will aufrichtig erklären, daß in der gegenwärtigen Lage die Internationale des revolutionären Weltproletariats der Kommunistischen Partei Rußlands einen Teil der zahlreichen Dienste, die sie von ihr empfangen hat, vergelten muß. Die vom Standpunkt einer revisionistischen Rechtsgefahr gefährlichste Lage ist die Lage der russischen Partei, und die übrigen Parteien müssen sie daher unterstützen.

In der Internationale muß die russische Partei den Kräftezuschuß finden, den sie benötigt, um standzuhalten gegenüber dieser wahrhaft schwierigen Lage, in der die Anstrengungen unserer Genossen, die die russische Partei leiten, wahrhaft bewunderungswürdig sind. Der gewaltige Beitrag der russischen Partei zum Werk der Internationale ist für uns zweifellos eine Gewähr. Wir wollen aber, daß die wahre Gewähr in der gesamten Masse des revolutionären Proletariats der ganzen Welt liege" (ebd., S. 404).

Nach dem 4. Weltkongreß setzt auch in der italienischen Partei die >Bolschewisierung< ein, die ihren Hauptinhalt darin hat, die massiv vorhandene Mehrheit der Linken in der Partei durch administrative Maßnahmen zu brechen und ihre Beteiligung an der Parteidiskussion in der Parteipresse zu hintertreiben. Die Linken vermerken in den Thesen zum Lyoner Parteitag, daß es nicht einer gewissen Ironie entbehre, von Genossen wie Gramsci und Togliatti jetzt >bolschewisiert< zu werden, denen sie in den ersten Jahren erst mühsam die Anfangsgründe des Bolschewismus beibringen mußten. Bordiga nimmt die italienische Spielart der Bolschewisierung mit Gelassenheit hin, aber nur bis zu einem gewissen Punkt: "Niemand von denen, die die Internationale mit gezogenem Schwert verteidigen, und die diese Internationale systematisch mit ihrem Führungskomitee verwechseln, will sich der Mühe unterziehen, diesen positiven und aktiven Beitrag zur Ausarbeitung der Direktiven einzubringen, deren Richtigkeit er behauptet. Anstatt die Internationale zu unterstützen, lassen sich die vorgeblich Orthodoxen von ihr stützen und beladen sie mit dem Gewicht ihrer eigenen Verantwortung, der eigenen Fehler, setzen sie aufs Spiel und >kompromittieren< sie ohne zu zögern, wann immer sie sich in Schwierigkeiten befinden. Dies ist umgekehrter Internationalismus." Gegenüber dem Abwürgen innerparteilicher Diskussionen führt er an:

"Schließlich kann man nicht ÷ und dies gilt umsomehr für jene, die die Grundlagen der Partei so breit haben wollen ÷eine rigide Unterscheidung zwischen der Propagandaarbeit unter den Genossen und unter den Massen machen: es ist töricht, den Genossen, den wir in die Fabrik und anderswohin schikken wollen, um die parteilosen oder anderen Parteien angehörenden Arbeiter zu überzeugen, daran zu gewöhnen, alle Diskussionen, durch die er lernend in der politischen Parteiarbeit hindurch muß, mit einem >so hat es unsere Ezekutive gesagt<, >so stehts im Programm meiner Partei< zu liquidieren. Jede Propaganda und Agitation würden durch solch eine Erziehung unserer Genossen vereitelt" (­Il pericolo opportunista e lāInternazionaleĪ, in: Unità, 30. 9. 1925).

In seiner großen Rede am 23. Februar 1926 auf der Tagung der erweiterten Exekutive faßt Bordiga noch einmal seine im Laufe der vorhergegangenen Jahre geäußerte Kritik zusammen. Es ist der einzige herausragende Diskussionsbeitrag, der sich uneingeschränkt mit Vergangenheit und Zukunft der Internationale in äußerst kritischer Weise beschäftigt. Bordiga fordert nichts weniger als eine radikale Umkehrung der sich herausgebildeten Verhältnisse und Arbeitsmethoden. Als eine der verheerenden Konsequenzen des mit der >Bolschewisierung< eingeführten >ideologischen Terrors< denunziert er die exorbitante Anwendung sogenannter disziplinarischer Maßnahmen.

"Wenn es Fälle von Disziplinlosigkeit gibt, so ist das ein Symptom, daß ein solcher Mangel in der Partei noch vorhanden ist. Die Disziplin ist also ein Resultat, nicht aber ein Ausgangspunkt, nicht eine Art von Plattform, die man sich als unerschütterlich vorstellen kann. Das steht außerdem im Zusammenhang mit dem freiwilligen Charakter des Beitritts zu unserer Parteiorganisation. Darum kann eine Art von Strafkodex der Partei nicht ein Heilmittel gegen die häufigen Fälle von Disziplinlosigkeit sein. Man hat in letzter Zeit in unseren Parteien ein Terrorregime errichtet, eine Art von Sport, der darin besteht, zu intervenieren, zu strafen, zu vernichten, und das alles mit einem ganz besonderen Vergnügen, als ob gerade das das Ideal des Parteilebens wäre. Die Helden dieser brillanten Operationen scheinen sogar zu glauben, das sei der Beweis revolutionärer Fähigkeit und Energie. Ich dagegen glaube, daß die wirklichen, die guten Revolutionäre im allgemeinen die Genossen sind, die als Objekt dieser Ausnahmemaßnahmen dienen, und die sie geduldig ertragen, um die Partei nicht kaputtzuschlagen. Ich bin der Meinung, daß diese Art der Energievergeudung, dieser Sport, dieser Kampf innerhalb der Partei nichts zu tun hat mit der revolutionären Arbeit, die wir zu leisten haben. Eines Tages wird es sich darum handeln, den Kapitalismus zu treffen und zu vernichten, und auf diesem Gebiet wird unsere Partei den Beweis ihrer revolutionären Energie zu liefern haben. Wir wollen in der Partei keinen Anarchismus, aber wir wollen auch kein Regime anhaltender Repressalien, das nur die Verneinung der Einheit und der Festigkeit der Partei ist" (Prot. erw. Exekutive, S. 132).

Ein weiterer Punkt seiner Kritik betrifft die Umkehrung des Verhältnisses von Agitation und Propaganda, die durch die >Bolschewisierung< selbst das Parteileben erfaßt hat. "Die Agitation wird getrieben unter einer großen Masse von Individuen, denen einige sehr einfache Ideen klar gemacht werden, während die Propaganda eine verhältnismäßig geringe Zahl. Von Genossen erfaßt, denen man eine größere Zahl komplizierter Ideen auseinandersetzt. Der begangene Fehler besteht arm, daß man innerhalb der Partei nur einfach Agitation etrieben hat; man hat prinzipiell die Massen der Parteimitglieder als minderwertig betrachtet, man hat sie behandelt als Elemente, die man in Bewegung setzen kann, nicht aber als aktor gemeinsamer Arbeit. [...] Wir verlangen, daß man mit dieser Agitationsmethode innerhalb der Partei aufhört.

Die Partei muß denjenigen Teil der Arbeiterklasse um sich sammeln, der ein Klassenbewußtsein hat und in dem Klassenbewußtsein herrscht; wenigstens, wenn ihr nicht die Theorie der Auserwählten aufstellt, was früher als eine der gegen uns erhobenen unbegründeten Beschuldigungen gedient hat. Es ist notwendig, daß die große Masse der Parteimitglieder sich ein gemeinsames politisches Bewußtsein ausarheitet und daß sie Īdie Probleme, die die Kommunistische Partei sich stellt, studiert. In diesem Sinne ist es dringend notwendig, das innere Parteiregime zu ändern" (ebd., S. 134).

Daß die Agitation, die eigentlich dazu dienen soll, die Masse der Arbeiter für die Politik der Partei zu gewinnen, zur Selbstagitation verkommt, wirft er Bucharin vor, der doch eigentlich seinem Anspruch nach auf dem Plenum der Exekutive mehr noch als auf Propaganda auf der gemeinsamen Ausarbeitung der Theorie bestehen müßte. "Genosse Bucharin treibt hier Agitation. Man treibt also Agitation nicht nur unter den Arbeitern, in der Partei, sondern sogar auf dem Plenum der Erweiterten Exekutive. Gestattet mir, Euch zu sagen, daß es vielleicht noch leichter ist, unter Euch Agitation zu treiben als unter den Arbeitern. [...] Vereinfachung ohne Agitationsdemagogie ÷ das ist das große revolutionäre Problem. Diese Meister der Vereinfachung sind sehr selten. Zweifellos besitzt Genosse Bucharin hervorragende Eigenschaften, deren er sich bedienen sollte, um in diesem Sinne innerhalb der Internationale zu wirken. Aber ich glaube, daß wir seit den Reden verschiedener großer Führer der russischen Revolution nicht genügend oft Ausführungen zu hören bekommen haben, die diese große Aufgabe verwirklichen: Vereinfachung ohne Demagogie" (ebd., S. 285).

Die innerparteilichen Diskussionen in der russischen Partei haben in der Linken der verschiedenen nichtrussischen Parteien zu Zweifeln geführt, ob die russischen Parteiführer noch in der Lage seien, die Internationale wirksam zu führen. Bordiga spricht dies als einziger unumwunden aus: "Wer wird in Anbetracht dieser Lage als letzte Instanz über die internationalen Probleme entscheiden? Man kann nicht mehr antworten: die alte bolschewistische Garde, denn in der Praxis läßt diese Antwort die Fragen unentschieden. Das ist der erste Stützpunkt des Systems, der sich unserer objektiven Forschung entzieht. Daraus folgt aber, daß die Lösung eine ganz andere sein muß. Wir können unsere internationale Organisation mit einer Pyramide vergleichen. Diese Pyramide muß einen Gipfel haben und gerade Linien, die diesem Gipfel zustreben. Dadurch wird die Einheit und die notwendige Zentralisation dargestellt. Aber heute stützt sich, dank unserer Taktik, unsere Pyramide gefährlicherweise auf ihren Gipfel. Man muß also die Pyramide umkehren, was jetzt unten ist, muß oben werden, man muß sie auf ihre Basis stellen, damit sie sich im Gleichgewicht befindet. Die Schlußfolgerungen, zu der wir in der Frage der Bolschewisierung gelangen, ist also die, daß nicht einfache Anderungen sekundärer Ordnung vorzunehmen sind, sondern daß das ganze System von Grund auf zu ändern ist" (ebd., S. 139).

Entgegen dem von der gesamten russischen Partei vertretenen Wunsch, die außerrussischen Sektionen sollten sich nicht in die russische Frage einmischen, besteht gerade Bordiga auf dem Recht dieser Einmischung. "Neben dem Problem der revolutionären Strategie des Proletariats, der internationalen Bewegung der Bauern und der kolonialen und unterdrückten Völker ist die Frage der Staatspolitik der Kommunistischen Partei in Rußland für uns jetzt das wichtigste Problem. Es handelt sich jetzt um eine gute Lösung der Frage der inneren Klassenverhältnisse in Rußland, es handelt sich um die Anwendung der notwendigen Maßnahmen in bezug auf den Einfluß der Bauern und der entstehenden kleinbürgerlichen Schichten, es handelt sich um den Kampf gegen den äußeren, heute rein wirtschaftlichen und diplomatischen, morgen vielleicht militärischen Druck. Da in den anderen Ländern noch keine revolutionäre Umwälzung stattgefunden hat, so ist es notwendig, die ganze russische Politik mit der allgemeinen revolutionären Politik des Proletariats aufs innigste zu verknüpfen. Ich will auf diese Frage nicht näher eingehen, aber ich behaupte, daß der Stützpunkt für diesen Kampf sicherlich in erster Linie die Arbeiterklasse Rußlands und ihre Kommunistische Partei ist, daß es jedoch von grundlegender Wichtigkeit ist, sich auch auf das Proletariat der kapitalistischen Staaten zu stützen. Das Problem der russischen Politik kann nicht gelöst werden innerhalb des geschlossenen Rahmens der russischen Bewegung auch die direkte Mitarbeit der gesamten Kommunistischen Internationale ist unbedingt notwendig. Ohne diese wirkliche Mitarbeit wird es nicht nur für die revolutionäre Strategie in Rußland Gefahren geben, sondern auch für unsere Politik in den kapitalistischen Staaten" (ebd., S. 143 f.).

Bordigas Rede und seine anderen Diskussionsbeiträge finden zwar auf dem Plenum einen großen Widerhall ÷ Bucharin, Sinowjew, der junge Stalinist Lominadse verwenden einen Großteil ihrer Reden darauf, die von Bordiga heraufbeschworenen Gefahren zu bagatellisieren ÷, doch ist die übrige internationale Opposition, vor allem die deutschen Ultralinken, zu sehr mit den Rechtfertigungsversuchen gegenüber den Angriffen der russischen Mitglieder der Exekutive beschäftigt, um diese Grundprobleme der weiteren Existenz der Internationale überhaupt aufzugreifen. Am Ende der Tagung stellt Bordiga den Antrag, im Sommer 1926 einen Weltkongreß einzuberufen, "und zwar mit der Frage der Beziehungen zwischen dem revolutionären Kampfe des Weltproletariats und der Politik des russischen Staates und der Kommunistischen Partei der Sowjetunion auf der Tagesordnung, wobei die Diskussion über diese Fragen in allen Sektionen der Internationale entsprechend vorbereitet werden muß" (ebd., S. 651).

Der Antrag wird dem Präsidium der Internationale überwiesen und verschwindet in dessen Akten. Die Diskussion findet im Rahmen eines Wehkongresses nicht mehr statt.

Auf die Möglichkeit und vielleicht Notwendigkeit der Bildung einer linken internationalen Fraktion hatte Bordiga schon auf dem Weltkongreß hingewiesen. Sinowjew, der die Gefahren herunterzuspielen versuchte, die Bordiga benannte, erklärte daraufhin: "Ich gebe dem Genossen Bordiga mein Wort, wenn unsere Internationale je eine rechte, reformistische Internationale wird, werde ich mit ihm zusammen eine solche linke Fraktion bilden" (Protokoll 5. Weltkongr. S. 501). Doch weder Sinowjew, der auf der 6. erweiterten Exekutive zum letzten Mal präsidiert, noch Trotzki und die übrigen Führer der russischen Opposition wenden sich in diesem entscheidenden Jahr 1926 an die Internationale. Sie erliegen der subtilen Erpressung der Stalinisten, die Einheit der Partei aufs Spiel zu setzen. Ihr Motto ist >right or wrong, my party< ÷ allerdings betrifft dies nur die russische Partei, nicht die Weltpartei, zu deren Gründung sie entscheidend beitrugen.

Bordiga behandelt die Fraktionsfrage im Februar 1926 auf rundsätzliche Art: "Meiner Ansicht kann die Frage der Fraktionen nicht vom moralischen, strafgesetzlichen Standpunkt gestellt werden. Gibt es in der Geschichte ein Beispiel dafür, daß ein Genosse eine Fraktion gegründet hätte, um sich zu amüsieren? Das hat es nie gegeben. Gibt es ein Beispiel dafür, daß der Opportunismus tatsächlich durch die Fraktion in die Partei eingedrungen wäre, daß die Organisation von Fraktionen als Basis für eine Mobilisierung der Arbeiterklasse gedient hätte und daß die revolutionäre Partei gerettet worden wäre durch die Intervention der Fraktionstöter? Nein, die Erfahrung lehrt, daß der Opportunismus stets unter dem Schein der Einigkeit in unsere Reihen eindringt. Es liegt in seinem Interesse, eine möglichst große Masse zu beeinflussen, er macht seine gefährlichen Vorschläge stets unter dem Schein der Einigkeit. Die Geschichte der Fraktionen zeigt im allgemeinen, daß die Fraktionen nicht den Parteien Ehre machen, innerhalb deren sie sich bilden, dafür aber den Genossen, die sie bilden. Die Geschichte der Fraktionen ist die Geschichte Lenins, es ist nicht die Geschichte der Anschläge auf die revolutionären Parteien, sondern die Geschichte ihrer Kristallisierung und ihrer Verteidigung gegen opportunistische Einflüsse. [...] Die Fraktionen sind nicht die Krankheit, sondern nur das Symptom, und wenn man den kranken Organismus pflegen will, darf man nicht die Symptome bekämpfen, sondern man muß versuchen, die Ursachen der Krankheit zu erforschen. Außerdem handelte es sich in den meisten Fällen um Gruppen von Genossen, die keinen Versuch machten, eine Organisation oder ähnliches zu schaffen. Es handelte sich um Ansichten, um Tendenzen, die sich in der normalen, regelmäßigen und kollektiven Parteitätigkeit Bahn zu brechen versuchten. Durch die Methode der Jagd auf Fraktionen, der Skandalkampagnen, der polizeilichen Beaufsichtigung und des Mißtrauens gegen Genossen, eine Methode, die in Wirklichkeit den schlimmsten Fraktionismus darstellt, der sich in den obersten Parteischichten breitmacht, hat man den Zustand unserer Bewegung nur verschlimmert und jede sachliche Kritik auf den Weg des Fraktionismus gestoßen" (Prot. erw. Exekutive, S. 134 f.).

Warum Bordiga nicht auf Korschs ausdrückliche Forderung nach Bildung einer internationalen linken Fraktion eingeht, ist seinem Brief zu entnehmen. Vordergründig betrachtet hält er den Zeitpunkt noch nicht für gekommen, die theoretischen Plattformen der verschiedenen nationalen Oppositionsgruppen für zu heterogen. Grundsätzlich gesehen befürchtet er jedoch, daß sich im unendlich kleineren Umfang das wiederholen könnte, was er in seinem Brief als "eine der Schwächen der gegenwärtigen Internationale" bezeichnet: einen heterogenen Block unterschiedlichster Oppositionsgruppen zusammenzubringen, die eben durch ihre divergierenden Positionen eine langfristige politische Arbeit von vornherein in Frage stellen. Die Zerfallsgeschichte der Komintern, der die Zerfallsgeschichte einer Unzahl von kurzlebigen übernationalen und nationalen kommunistischen Oppositionsgruppenbildungen parallel läuft, hat diese Befürchtung durchaus bestätigt.

"Genosse Bordiga ist kein Dialektiker, er ist wie ein ruhender Pol in der allgemeinen Bewegung. Er wird immer die gleichen Reden halten, die gleichen Argumente anführen, welchen Weg die Weltgeschichte auch gehen mag." Sofern Bucharin, der dies 1926 sagte, unter einem Dialektiker einen >Scheinbeweiskünstler< versteht (das Wort stammt von Antonio Labriola), der Bordiga nie gewesen ist, hat sich dies als Prophezeiung auch für den Bordiga bestätigt, der nach dem 2. Weltkrieg bis zu seinem Tode 1970 in der >internationalistischen<, nach einer Spaltung >internationalen kommunistischen Partei< in Italien und Frankreich nicht nur das wiederholte, was er in den zwanziger Jahren gesagt hatte, sondern eine Fülle von theoretischen Arbeiten verfaßte (Analysen zur zeitgenössischen kapitalistischen Produktionsweise, der sozioökonomischen Verhältnisse des heutigen Rußland, Auseinandersetzungen mit Stalin in der Sprachenfrage, kapitalistische Umweltzerstörung usw.), die schon sehr frühzeitig Themen behandeln, die erst jetzt langsam in die Diskussionen unter uns jüngeren Lehrlingen des Marxismus einfließen.

Wer sich mit der Geschichte der entschwundenen Komintern ernsthaft beschäftigen will, wird nicht darum herumkommen, sich mit den Positionen der italienischen linken Kommunisten und Bordigas zu beschäftigen. Ohne deren alternative Position kritisch einzubeziehen, bleibt die Geschichte dieser großangelegten< an der übermächtigkeit der weltweiten Konterrevolution gescheiterten Emanzipationsbewegung des Proletariats ein stellenweise undurchdringliches Chaos.

* In Jahrbuch 1, "Ÿber Karl Korsch", Fischer Taschenbuch, 1973.