Christian Riechers

 

Die Ergebnisse der Revolution Stalins in Rußland

Romantischer Sozialismus in der Ideologie, gesellschaftlicher Kolchosianismus anstelle der klassenlosen Gesellschaft

 

 

Informationen über die Entwicklung der Analyse der russischen Verhältnisse bei Amadeo Bordiga nach 1945

 

"Genosse Bordiga ist kein Dialektiker, er ist wie em ruhender Pol in der allgemeinen Bewegung. Er wird immer die gleichen Reden halten, die gleichen Argumente anführen, welchen Weg die Weltgeschichte auch gehen mag." (Nikolaj Bucharin)

"Die Sektierer verkörpern die außerhalb der wirklichen Bewegung stehende, entweder deklassierte oder rein kontemplative Intelligenz. Gute Beispiele für diese rein kontemplative Intelligenz sind Pannekoek und Bordiga, die jahrzehntelang ihre revolutionären Schriften abends schrieben, während sie tagsüber Berufsastronomie betrieben oder Brücken bauten. Sie sind schlagende Beispiele für die verheerende Wirkung, die die Arbeitsteilung auf die Fähigkeit auch des schärfsten Intellekts, eine der gesamt-gesellschaftlichen Wirklichkeit adäquate Theorie zu produzieren, ausübt." (Ernest Mandel)

 

 

I. Amadeo Bordiga (1889-1970) ist nie ein Parteigänger der russischen Revolution gewesen, gewiß jedoch der wohl hartnäckigste Vertreter weitgespannter und langfristiger Interessen der revolutionären kommunistischen Weltpartei, der III. Internationale. Wie Bordigas Reden auf den Kominternkongressen und EKKI-Sitzungen bis 1926 deutlich machen, sieht er das Überleben der russischen Doppelrevolution nur durch die aktive, kritische, jede subalterne Attitüde den russischen Führern gegenüber verachtende "gleichberechtigte" Mitarbeit der außerrussischen Sektionen der Komintern garantiert. Inder Hervorhebung der "gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats [...] stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten" zu können (Manifest), sieht Bordiga die einzige Methode, entschieden den "besonderen" Interessen der krisengeschüttelten revolutionären Bewegung in Rußland zu helfen, anstatt von ihr Hilfe zu erwarten. Die Wiederherstellung des revolutionären Marxismus durch die Bolschewiki ist für ihn ein weitaus wichtigeres Ergebnis der russischen Revolution als die durch sie bewirkten unmittelbaren politischen und ökonomischen Veränderungen. In ihre unmittelbaren Ausstrahlungen auf die Proletarier anderer Länder setzt er nie übertriebene Hoffnungen.

II. Die Wiederherstellung der Grundpositionen des revolutionären Marxismus durch die Bolschewiki hebt Bordiga zeitlebens lobend hervor. Das impliziert für ihn keineswegs eine voreilige Bereitwilligkeit zur unkritischen, ungeprüften Übernahme sämtlicher taktischen Erfahrungen des revolutionären Kampfes der Bolschewiki für die Kämpfe der Proletarier in den "entwickelten" Ländern des Westens. Die Versuche Lenins und Bucharins, auf dem konstituierenden 2. Weltkongreß der Komintern 1920 die Auffassung vom "revolutionären Parlamentarismus" gegen den in der Tendenz "politischen Indifferentismus" (Marx gegen Proudhon) der führertumsallergischen holländischen, britischen und deutschen linken Kornmunisten durchzusetzen, werden von Bordiga, unter Betonung seiner affirmativ parteikommunistischen Differenzen jenen Gruppierungen gegenüber, mit dem Hinweis auf die jahrzehntelangen lähmenden Erfahrungen der Proletarier Westeuropas mit den unterschiedlichen Spielarten des parlamentarischen Kretinismus bekämpft. In der Abstimmung unterlegen, tritt er nach Konstituierung der italienischen Sektion der Komintern, die er von 1921 bis 1923 leitet, diszipliniert und zugleich distanziert für die Durchführung des "revolutionären Parlamentarismus" durch seine Partei ein. In der Frage der Einheitsfront, der "Bolschewisierung", der Kodifizierung des Leninismus als "schöpferische Weiterentwicklung des Marxismus in der Epoche des Imperialismus" meldet er immer die Einwendungen seiner Partei, später - nach Einsetzung der zentristischen Führung Gramsci-Togliatti - der noch immer starken linkskommunistischen Strömung an. Immer wieder verweist er auf die Grenzen der Übertragbarkeit der russischen Erfahrungen. Und entschieden lehnt er den Leninismus als "Ergänzung" des Marxismus ab. In der Auffassung der russischen Nachfolger Lenins scheint ihm dieser "Leninismus" als Taktizismus und antirealistischer Voluntarismus eine pejorative Revision im Prozeß der notwendigen Wiederherstellung des revolutionären Marxismus vorzubereiten.

III. In den Jahren bis 1926 entwickelt Bordiga keine alternative Theorie der Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern. Er sieht die wesentlichen Positionen dieser Theorie bereits im "Manifest der Kommunistischen Partei" von 1848 vorgezeichnet. Sein Eintreten für die Klärung ungelöster taktischer Fragen unter den Mitgliedern einer sich mühsam herausbildenden Weltpartei schließt ein die Ablehnung aparter Theorien, sei es der Revolution in entwickelten Ländern, sei es des "Sozialismus in einem Land". Ebenso zurückhaltend wie bei der Erstellung einer "eigenen" Theorie verhält sich Bordiga, als der von ihm denun.zierte "ideologische Terror" innerhalb der Kominternführung und ihrer Sektionen gegen "Linke" und "Rechte" derart zunimmt, daß die von ihm schon 1924 auf dem 5. Weltkongreß anvisierte ultima ratio der Konstituierung einer internationalen linken Fraktion auf der Tagesordnung steht. Er unternimmt jedoch keinerlei praktische Schritte in der Richtung. Die Gefahren für den proletarischen Staat in Rußland, die er ähnlich wie Korsch und andere linke Kommunisten 1926 aufziehen sieht, bewegen ihn dazu, die Einberufung eines Sonderkongresses der III. Internationale zur internationalen Diskussion der Rußlandfrage zu fordern. Solange die russischen Kommunisten bestimmte, zu Beginn der NEP-Periode gehaltene programmatische Reden Lenins und Trotzkis über das Verhältnis des proletarischen Staates zur ökonomischen und gesellschaftlichen Situation Rußlands weiterhin als verbindlich anerkennen, sieht er - anders als Korsch - keinen Grund und noch nicht die Zeit für gekommen, sich öffentlich über mögliche oder bereits in Gang befindliche Involutionserscheinungen in Rußland zu äußern.

IV. Nahezu zwei Jahrzehnte lang, von November 1926 bis 1945, ist Bordiga "in der Öffentlichkeit nicht vorhanden". Ende 1926 von der faschistischen Polizei verhaftet, verbringt er die Jahre bis 1930 auf verschiedenen Verbannungsinseln im Mittelmeer, wo er unter seinen dort zahlreichen kommunistischen Mitgefangenen Kurse in den getarnten Parteischulen abhält. 1930 aus der Partei ausgeschlossen, weil er einer der rituellen Verdammungen Trotzkis seine Zustimmung verweigert, wird er in den darauffolgenden Jahrzehnten von den stalinistischen Zentristen seiner Partei mit den übelsten Verleumdungen bedacht. Nach Ende der Verbannung hält er sich unter ständiger faschistischer Polizeibewachung überwiegend in Neapel auf, wo er mit Gelegenheitsarbeiten in seinem Beruf als Bauingenieur seiner Familie den kargen Lebensunterhalt verdient. Unbedachte, in ihren Konsequenzen nicht überlegte Aktionen in der Illegalität lehnt er ab, da sie nur vermeidbare Opfer kosten würden. Während der Zeit nach seiner Verbannung hält er kaum nennenswerte Kontakte zu seinen linkskommunistischen Genossen, die sich - besonders in Frankreich und Belgien sehr zahlreich unter den italienischen Arbeitsemigranten vertreten - zu einer Fraktion zusammengeschlossen haben, die wegen einer Reihe theoretisch-taktischer Divergenzen zu den übrigen linkskommunistisehen Gruppen sich distanziert verhält.

V. 1943, noch unter der deutschen Besatzung und der faschistischen Regierung von Salo, wird in Italien von den Linkskommunisten eine internationalistische kommunistische Partei gegründet, die in der Zeit des Partisanenkampfes der klassenversöhnlerisch eingestellten Widerstandsbewegung aktiv an den gleichzeitigen Klassenkämpfen im Norden Italiens teilnimmt, diese im Gegensatz zur stalinistischen KP-Führung als wesentlichen Bezugspunkt nimmt und an den Maximen Lenins über das Verhalten der revolutionären Proletarier im imperialistischen Krieg festhält. Das trägt ihr den Vorwurf der Stalinisten ein, im Solde der Gestapo zu stehen.

Ohne sich dieser Partei zunächst formal anzuschließen, veröffentlicht Bordiga seit 1945 überwiegend politisch-programmatische und theoretische Schriften in deren theoretischem Organ Prometeo und in der Parteizeitung Battaglia cornunista bis 1952. Er schreibt zuerst unter mehreren Pseudonymen, später veröffentlicht er nur ohne Namensnennung, anonym. Die politische Selbstverständigung unter Parteikommunisten - wann endlich hören die von Parteiallergie geplagten Tuis auf, die Parteistalinisten sinn- und regelwidrig so zu bezeichnen? - schließt für Bordiga aus "die bürgerliche und warentauschbezogene Forderung, den Anspruch auf die schlimmste Form des Privateigentums, des "intellektuellen" Privateigentums".

VI. Angesichts der Verheerungen, die die Stalinisten in der revolutionären Theorie des Marxismus angerichtet haben, hält Bordiga es für notwendig, am orthodoxen Marxismus Lenins, Trotzkis, den entscheidenden Leitsätzen des 2. Weltkongresses der Komintern sowie den von den italienischen Linkskommunjsten in den früheren internationalen Auseinandersetzungen vertretenen Positionen unbedingt festzuhalten. In Abhebung von seinen Genossen in der Partei, die damit die wesentlichen Grundlagen für das weitere politische Handeln garantiert sehen, hält er die bloße Affirmation der zuvor vertretenen Positionen für nicht ausreichend, zur notwendigen Regeneration der internationalen kommunistischen Bewegung wirksam beitragen zu können.

Die Wiederherstellung des Marxismus setzt für Bordiga ein selbsttätiges aktives Verhalten im Prozeß der Aneignung seiner theoretischen Grundpositionen voraus, das mit dem traditionellen, gemütlich selbstzufriedenen, passiven Verhalten zur Theorie in der früheren Arbeiterbewegung unwiderruflich bricht: "Sehr frevelnd und sündigend verwechselten wir Sozialisten vergangener Zeiten unsere Bewegung mit einer neuen Propaganda fide und begriffen nicht, daß der marxistische Militant nicht mehr jemand ist, der zu überzeugen und zu belehren versteht, sondern jemand, der aus den Tatsachen zu lernen weiß, die dem Kopf des Menschen vorherlaufen, während dieser seit Jahrtausenden sie einzuholen versucht. Die ausgereifteste Auffassung des Determinismus hat nichts mit dem Passivismus gemeinsam, sondern erklärt, daß der Mensch handelt, bevor er hat handeln wollen, und will, bevor er weiß, warum er will, da der Kopf das letzte und am wenigsten sichere seiner Gliedmaßen ist. Der beste Gebrauch, den eine Gruppe von Menschen von ihm machen kann, wird der sein, den geschichtlichen Augenblick vorherzusehen, in dem sie - alles andere als Passivismus! - zum ersten Mal mit dem Kopf zuerst in einen Wirbelsturm von Aktionen und Kämpfen katapultiert werden" ("Dialogato coi morti", S. 24).

VII. In einem Artikel "Sowjetrußland von der Revolution bis heute", erschienen in der ersten Nummer des Prometeo im Juli 1946 unter dem Pseudonym "Alfa", geht Bordiga zum erstenmal auf die veränderten Verhältnisse in Rußland ein, über die er sich während der zwanziger Jahre nur sehr zurückhaltend geäußert hatte. Sein Ausgangspunkt ist das veränderte Verhältnis der kommunistischen Parteien zu den kriegfiihrenden Mächten im 2. Weltkrieg, verglichen mit der Situation im ersten, das "zu ruinösen Konsequenzen in der Organisation und Orientierung des Proletariats" geführt habe. Die eingehende Analyse des in Rußland abgelaufenen Prozesses sei notwendig, um "jeden Zweifel über die Verdammung des Opportunismus (der kommunistischen Parteien, C.R.) dieser letzten Jahre zu beseitigen, als nicht nur ähnlich, sondern schwerwiegender und abträglicher als der im ersten imperialistischen Krieg tobte" (S. 358). Die Beschreibung der weltpolitischen Lage geht aus von der 1946 zum Teil noch bestehenden Entente zwischen den Westalliierten und der 51.1. "Die Solidarität der russischen Staatsorgane mit denen der anderen Siegerstaaten hinsichtlich der politischen und gesellschaftlichen Organisation der Nachkriegszeit erscheint komplett und unbedingt, sowie es das Vertrauen der angloamerikanischen Bourgeois in die revolutionäre Unschuld des Stalinregimes ist" (S. 373). Für den "Neoopportunismus" bestehe desungeachtet die "Möglichkeit, die Symbole und äußerlichen Traditionen der siegreichen Revolution" von 1917 zu imitieren und auszubeuten, vor allem die "Suggestion der Siege des russischen Heeres, des Heeres Lenins und Trotzkis". Das revolutionäre Proletariat müsse sich hierbei aller Illusionen entledigen und, "wenn auch mit einer schmerzlichen Anstrengung, erklären, daß die militärischen Siege der russischen Heere nicht die Bedeutung und die Wirkung von Siegen der Revolution haben" (S. 373).

Die Stellung der Revolutionäre in der Arbeiterbewegung gegenüber der internationalen Weltlage, zu Krieg und Kriegsfolgen, ist eine der Konstanten, auf die Bordiga stets zurückkommt, bevor er hier wie in seinen zahlreichen späteren Schriften die inneren Verhältnisse Rußlands analysiert. Eine monokausale Auslöser-funktion für den für ihn konstatierbaren Degeneratiorisprozeß der internationalen kommunistischen Bewegung haben diese Verhältnisse nicht. Er negiert dies vehement. Das "russische proletarische Regime" sei nicht Niederlagen zum Opfer gefallen wie die Pariser Kommune, die ungarische und die bayerische Räterepublik, sondem "durch eine lange Involutionsperiode (gegangen), die hintereinander die revolutionären Merkmale und Errungenschaften zerstört hat" (S. 372). Dieser "zweite Typus" einer revolutionären Niederlage des Proletariats, nachdem es bereits an der Macht gewesen sei, ist für Bordiga durch das Zusammenkommen verschiedener, jedoch durchweg "außerrussischer" Faktoren verursacht worden, denn erstens habe sich die Klasseneffizienz der kapitalistischen Bourgeoisie und ihrer Staaten trotz schwerer Krisen als stärker erwiesen, zweitens sei die Sozialdemokratie eine konterrevolutionäre Zusammenarbeit eingegangen, die "nach der erbittertsten Kampagne gegen den russischen Sowjetismus ihn just in seiner gegenwärtigen involutiven Form als Alliierten annehmen", und drittens sei die in der III. Internationale verkörperte Klassenbewegung des Proletariats zerstreut worden im Gefolge der Gegenoffensive der kapitalistischen Reaktion und der bewiesenen Unreife der Klassenbewegung, sich außerstande gezeigt zu haben, sowohl gegen die "rechten" wie die "linken" bürgerlichen Kräfte gleichzeitig zu kämpfen.

VIII. Die "russische Frage" wird von Bordiga stets in einem Zusammenhang gesehen, der explizit wie implizit das Ideologem vom "Sozialismus in einem Land" in der Beweisführung negiert. Lediglich der Involutionsprozeß der proletarischen Revolution in Rußland trägt um 1946 etwas autochthon Russisches an sich, obwohl die Determinamen im zweiten Glied des "altmarxistischen" Zusammenhangs von Revolution in Rußland und proletarisch-revolutionärer Bewegung im Westen liegen. Zu einem späteren Zeitpunkt. um 1951, versucht Bordiga am Beispiel der frühbürgerlichen italienischen Comuni einen historischen Präzedenzfall für die Involution des Prototyps einer progressiven Gesellschaftsformation vorzuführen, um auch hier durch Analogieschlull der - im Positiven stalinistischen wie im Negativen antistalinistischen - These von der "Einmaligkeit" bzw. "Neuartigkeit" der russischen Entwicklung entgegenzutreten.

Wie im weltpolitischen Zusammenhang Bordiga erst in zweiter Linie auf Rußland Bezug nimmt, so werden auch im Kontext der Erklärung ökonomischer Formen Beispiele herangezogen, die - was ihre unmittelbare Erscheinungsform betrifft - außerrussischen Verhältnissen entstammen, um sie mit ähnlichen Formen und Prozessen in Rußland selbst in Beziehung zu setzen.

IX. Es dürfe "nicht Sozialisierung mit Verstaatlichung verwechselt werden, da die Verstaatlichung in kapitalistischen Regimen perfekt durchführbar ist" (S. 362). Auch sei nicht jede Planwirtschaft sogleich sozialistische Ökonomie. "Zwischen der Verstaatlichung des Unternehmens und der Vergesellschaftung der Okonomie besteht eine derart substantielle Differenz, daß nicht in Zeiten bürgerlicher Macht sie offen antithetisch sind, sondern auch nach dem Übergang der Macht ans revolutionäre Proletariat nicht automatisch koinzidieren" (S. 364).

Der Wechsel des Eigentumstitels an den Produktionsmitteln ist für Bordiga kein entscheidender "Hebel" für die ökonomische Transformation in Richtung Sozialismus. "Das fundamentale Unterscheidungsmerkmal ist technisch-ökonomisch, obwohl der Hinweis auf die Klasse, die die Macht besitzt, eine notwendige Vorbedingung dafür ist. Die mit kapitalistischem Kriterium verwalteten Betriebe lauch wenn sie Staatseigentum) berechnen ihre Einnahmen und Ausgaben in Geld und regeln ihre Dynamik dergestalt, um die Differenz zwischen der ersten und der zweiten, das heißt den Profit, größtmöglich zu machen. Hingegen berechnen die Betriebe des Systems kollektiver Ökonomie ihre Bewegung nicht in Geld, weder faktisch noch zu Rechenzwecken, sondern ihre Dynamik ist zusammen mit der sämtlicher anderer Betriebe so geregelt, daß nicht der lokale Profit maximal werde, sondern das allgemeine Produkt" (S. 362/363).

Bordiga verweist hier mit Nachdruck darauf, daß die isolierten Formen der Profitmaximierung nicht zu verwechseln seien mit dem Verzehr des realisierten Profits durch eine, gesamtgesellschaftlich irrelevante, Minderheit von Kapitalisten, während jene isolierten Formen der Profitmaximierung unabhängig davon "hundertfach größere Vergeudung von Produktivkräften " zur Folge hätten, "was genau davon herrührt, daß die gesamte gegenwärtige ökonomische und gesellschaftliche Struktur dahin tendiert, den privaten Profit und nicht das gesellschaftliche Produkt zu sichern und zu garantieren" (S. 363).

Der Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung der Produkte kann seine Lösung im Sozialismus erst dann finden, wenn die gesellschaftlichen Produzenten ihr gesellschaftlich produziertes Produkt direkt gesellschaftlich, d.h. ohne die Vermittlung privativer Instanzen welch gesellschaftlichen Verdichtungsgrads auch immer, vollkommen anzueignen imstande sind. Dieser von Engels (Antidühring, Abschnitt Sozialismus) entwickelte Gedankengang wird von Bordiga hier bereits in einem "aktuellen" Zusammenhang, dem der vermeintlichen Differenz von Kapitalismus und Ökonomie der russischen "Übergangsgesellschaft", verwendet.

X. In einer längeren theoretischen Schrift "Proprietà e capitale" (Eigentum und Kapital), die zwischen 1948 und 1952 im Prometeo erscheint, entwickelt Bordiga seine bereits bekannte These weiter, daß das bloße Eigentum an den Produktionsmitteln noch nichts Entscheidendes, solange es reiner Rechtstitel bleibe, über die Produktionsweise aussage. Die abstrakten unmittelbar vorfindlichen‚ Individuen seien nicht die Individuen des Kapitalismus - "das bürgerliche Individuum ist nicht ein Mensch, es ist eine Firma". "Die Anarchie, die Marx dem kapitalistischen Regime anlastet, besteht darin, daß der Kapitalist per Betrieb, per Unternehmen akkumuliert, die in einem warenproduzierenden Milieu leben und sich bewegen" (S. 43). Lange bevor Charles Bettelheim ("Ökonomischer Kalkül und Eigentumsformen. Zur Theorie der Übergangsgesellschaft", Berlin 1970) ähnliche Gedankengänge, reduziert auf Verhältnisse in Übergangenengesellschaften" "zwischen Kapitalismus und Sozialismus", vor einer größeren Öffentlichkeit ausbreitet, analysiert Bordiga die verschiedensten Formen "eigentumsloser" kapitalistischer Plusmacherei, als deren Grundform er jeweils das isolierte "Unternehmen" unterschiedlicher empirischer Größenordnung und changierender geschäftlicher Solidität ausmacht. Im Gegensatz zu Bettelheim sieht Bordiga hierin wesentliche Formen des modernen Kapitalismus in der ganzen Welt, die sich folglich auch im isolierten Rußland des "Sozialismus in einem Land" auffinden lassen müßten: "Deshalb lautet die sozialistische Forderung, daß nicht allein das Recht und die Okonomie des Privateigentums, sondern zugleich die Marktökonomie und die Unternehmensökonomie niedergestreckt werden [...] Wird eine einzige Bestimmung fallengelassen, so wird die sozialistische Forderung hinfällig. [...] Immer gibt es Kapitalismus, wenn die Produkte auf den Markt gebracht oder jedenfalls buchhalterisch verrechnet werden auf der Seite der Aktiva des Betriebs, verstanden als distinkte, sei es auch sehr große, ökonomische Insel, während die Arbeitsentgelte auf die Seite der Passiva gebracht werden. Die bürgerliche Okononie ist Ökonomie in doppelter Buchführung. Das bürgerliche Individuum ist nicht ein Mensch, es ist eine Firma. Wir wollen jede Firma zerstören, Wir wollen die Ökonomie mitdoppelter Buchfiihrung abschaffen, die mit einfacher Buchführung einführen [...] (S. 43.)

XI. Die Schrift "Sowjetrußland von der Revolution bis heute" von 1946 enthält eine Reihe von Angaben zur Charakterisierung der ökonomischen und politischen Verhältnisse, die generell zum Allgemeingut der internationalistischen antistalinistischen Linkskommunisten verschiedener Schattierungen gehören, die Bordiga in seinen späteren Darstellungen in ihrer Vagheit nicht mehr aufnimmt oder nach erfolgter Analyse gegebener Sachverhalte kritisch revidiert. Einige Passagen seiner 1946er Darstellung lassen auf eine positive Übernahme der Bürokratismus-These Trotzkis schließen, die er später als unzureichenden Erklärungsversuch verwirft. Ihre Verabsolutierung, wie sie bei Anhängern Trotzkis wie bei anderen Antistalinisten in je verschiedenen Mischlagen mit anderen Erklärungsversuchen zu finden ist, fehlt jedoch von vornherein. Was sich in Rußland zugetragen habe, sei "gewiß das Gegenteil dessen, was die Weltarbeiterklasse für lange Jahre erwartet hat. Während die Revolutionäre absolut nicht den Ernst einer derartigen Situation verschweigen dürfen, muß deren Kritik nicht die Richtung einer Verdammung von Gruppen und Menschen annehmen, deren urteilenswürdige Aktion zu diesen traurigen Resultaten geführt hätte. Die Ursachen davon sind so tief und so umfassend, daß man sie nicht auf Irrtümer der Anwendung richtiger Direktiven in den Staats- und Polizeiorganen des Rußlands der Sowjets zurückführen, noch mit der moralischen Verdammung Stalins und seiner Clique abtun kann" (S. 374).

XII. 1950 entwirft Bordiga einen "Appell für die internationale Reorganisation der revolutionären marxistischen Bewegung". Unmittelbarer Anlaß dieses Appells, der zur Wiederaufnahme von Kontakten zwischen linkskommunistischen Gruppen in verschiedenen Ländern dienen soll, ist die Abspaltungsbewegung einer Reihe von Gruppen aus den stalinisierten, nationalkommunistisch verwachsenen Parteien in Italien und Frankreich. In der Partei der internationalistischen Kommunisten, der Bordiga zur Zeit der Abfassung des Appells immer noch nicht formal angehört, trifft dieser Appell auf eine Reihe von Einwänden. Am Ende dieser längeren Auseinandersetzung spaltet sich die Partei in zwei Gruppierungen gleichen Namens. Bordiga tritt dann der Gruppierung bei, deren neues Organ Programma comunista heißt. Hier wird unter einem enormen persönlichen Arbeitsanteil Bordigas ein auf planmäßiger kollektiver Arbeit beruhender Stil der theoretischen Auseinandersetzungen eingeübt mit scheinbar geklärten, teilweise oder noch gänzlich ungeklärten Fragen der kapitalistischen Entwicklung im Weltmaßstab und‚der tiefgreifenden inneren Krise auf der Seite der "Totengräber" des sich munter erholenden Kapitalismus. Die "Rußlandf rage", Anlaß der Auseinandersetzungen um den "Appell", wird von Bordiga im Prozeß der Herausbildung dieses kollektiven theoretischen Selbstverständigungsprozesses seiner Gruppierung nunmehr über längere Jahre hinweg systematisch bearbeitet.

XIII. Der verschärfte kalte Krieg in Europa und derblutige Krieg in Korea sind im Gange, ein dritter Weltkrieg scheint nicht ausgeschlossen. Dies ist der zeitliche Hintergrund der Diskussionen um den "Appell" Bordigas. Entgegen der Forderung seines hauptsächlichen Kontrahenten, Onorato Damen, der bald darauf die "andere" internationalistische Partei anführt, Rußland den USA gleichzusetzen, da beide kapitalistisch und imperialistisch seien, weigert sich Bordiga, dies zu tun. Rußland "tendiere" erst zum Kapitalismus, die kapitalistische Produktionsweise habe sich dort noch nicht so vollauf durchgesetzt wie in Nordamerika. Diese "Tendenz zum Kapitalismus" habe eine zwiefache Richtung. Zum einen seien die wenigen sozialistischen und kommunistischen ökonomischen Formen, die es unmittelbar nach der Revolution gegeben habe, degeneriert, vom Kapitalismus reabsorbiert worden. Zum anderen tendiere das weite Gebiet der vorkapitalistischen, asiatischen, feudalistischen Ökonomie mächtig zum Kapitalismus. Dies sei eine positive Tendenz, eine Prämisse der sozialistischen Weltrevolution.

Bei der Analyse der "russischen gesellschaftlichen Gegebenheiten" könne und dürfe man nur wenig und dies mit Umsicht sagen, "denn separat analysiert führen sie die Unvorsichtigen dazu, die Marxsche Lehre zu verändern, neue Analysen und Perspektiven aufgrund des Eingreifens einer dritten Klasse, eines dritten Faktors, zuzugeben und so dem stalinistischen Trick auf den Leim zu gehen, der hypothetisch permanente Funktionen für den Staat setzt, welcher nicht mehr Instrument, sondern Hervorbringer der Klasse ist und die Vorstellung seiner Entleerung aufgibt" ("Lezioni delle controrivoluzioni" S. 24).

Dem Staat eine allumfassende, nicht nur machtpolitische, sondern auch im engeren Sinne ökonomische Funktion zuzuerkennen, die in der imperialistischen Phase die Großmächte einander angleiche und in Rußland zu einem Staatskapitalismus sans phrase geführt habe, wie Damen in Anknüpfung an Hilferdings späte Totalitarismusauffassung anführt, wird von Bordiga als "äußerst unbestimmt" verworfen. Die Frage nach der Klasse an der Herrschaft mit dem Hinweis auf das Instrument der Klassenherrschaft, den Staat, zu beantworten, ist nur eine Verschiebung, keine Lösung, am wenigsten ökonomisch, denn "der Staatskapitalismus bedeutet nicht eine Unterwerfung des Kapitals unter den Staat, sondern des Staats unter das Kapital" ("5 lettere", S. 10).

XIV. Die USA und die Sowjetunion kann Bordiga aus theoretischen Gründen wegen ihrer unterschiedlichen ökonomisch-gesellschaftlichen Struktur nicht auf eine Stufe stellen. Aus politischen Gründen will er dies nicht wegen ihrer unterschiedlichen weltpolitischen Macht. Im Falle eines dritten Weltkrieges lehnt er es ab, daß die wenigen internationalistisch-kommunistischen Gruppen sich zu Erfüllungsgehilfen der russischen Armeen machen, wie die nationalkommunistischen Parteien dies zum Teil androhten. Noch deutlicher ist seine Distanz zu Dissidentengruppen von ehemaligen Mitgliedern nationalkommunistischer Parteien, deren Positionen er verdächtigt, "mehr als einmal eine direkte oder indirekte Emanation der Schmiede des Imperialismus, der USA, zu sein" ("Lezioni", S. 8). Er schlägt die Parole vor: "Ablehnende Haltung gegenüber jeglicher Unterstützung für den imperialen russischen Militarismus. Offener Defätismus gegen den amerikanischen."

Realistisch geht Bordiga davon aus, daß die wenigen kleinen Gruppen von Revolutionären im Kriegsfall kaum die Chance haben würden, ihren Einfluß im Proletariat in einem übergroßen Maße zu verstärken und daß so bei Bewahrung der politischen Integrität nur Wünsche für einen Kriegsausgang geäußert werden könnten, der die künftigen Ausgangspositionen des Proletariats im Kampf gegen den Weltkapitalismus um einiges erheblich verbessere. Er wendet sich gegen die Auffassung, die im Gefolge der russischen Revolution entstand, das Herausbrechen des schwächsten Gliedes aus der Kette der imperialistischen Staaten könne sich für die revolutionäre Bewegung günstig auswirken. Im Falle eines dritten Weltkrieges "würde der Sieg der Vereinigten Staaten die finsterste aller Eventualitäten bedeuten". Bordiga fordert deshalb, sich wieder mit der alten marxistischen Position vertraut zu machen, "daß der Fall des Zentrums des Kapitalismus den Fall des ganzen Systems mit sich zieht, während der Fall des schwächsten Sektors das bürgerliche Weltsystem am Leben erhalten kann angesichts der modernen Methode der militärischen und staatlichen Vernichtung des Besiegten und seine Reduzierung auf passiven Kolonialismus" ("Lezioni", S. 32).

XV. In den Auseinandersetzungen um den Appell" in den Jahren 1950/51 wendet sich Bordiga gegen ochsenfröschlerische Anwandlungen unter den Marxisten, urbi et orbi über die russischen Probleme zu pontifizieren. Es sei nötig, die Vorstellung aufzugeben, man sei bereits in der Oberstufe des Gymnasiums, während man sich in Wirklichkeit in dessen untersten Klassen, wenn nicht sogar eher noch in der Volksschule befinde, was das Erlernen der Grundpositionen des Marxismus betreffe. "Die Tatsache, daß wir geschlagen sind, daß wir deshalb in einer konterrevolutionären Periode uns befinden, erklärt uns, weshalb wir so wenige sind und auch, warum sich Unklarheit und Konfusion in unseren Reihen herausstellen" ("Lezioni", S. 30). Das solle jedoch nicht dazu führen, die Theorie des revolutionären Marxismus zu verfälschen, d.h. in den politischen Zusammenhang des Klassenkampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital einen dritten Protagonisten, eine "neue Klasse", einzuführen, wie dies viele Gruppierungen links von den Stalinisten in ihren Rußlanddarstellungen gemacht hätten.

"Beim russischen Problem ist die höchste Vorsicht notwendig; denn wenn es die vom Verlauf der Klassenkämpfe gemachte Arbeit erlaubt, mit neuen Ausdrücken die fundamentalen Formulierungen des Marxismus zu konfrontieren, so ist wiederum wahr, daß, um zu diesem Resultat zu gelangen - das einige als zu bescheiden oder unbedeutend betrachten mögen - es erforderlich ist, sich vor der Manie zu hüten, die zu viele Gruppen und Militanten ergriffen hat, mit einer Phrase, schlimmer noch: mit einem Rezept, den Schlüssel gesucht und gefunden zu haben zu Problemen, herausgelöst aus ihrem allgemeinen Kontext, der - um es zu wiederholen -nicht der russische, sondern der umfassendere und allgemeinere Kontext der Konterrevolution ist" ("Lezioni", S. 9).

XVI. Von den allgemeinen Bestimmungen zurück zu den Besonderungen. Dies gilt, wie anfangs skizziert, für die Analyse der ökonomischen Entwicklung Rußlands und der sich in diesem Prozeß entfaltenden Formen von Produktion und Aneignung, die Bordiga im Lichte der modernsten, sich allgemein durchsetzenden Daseinsformen der kapitalistischen Produktionsweise betrachten will. (Mit der Einschränkung, daß er die Analyse der Mannigfaltigkeit abstrakt einzelner "Gegebenheiten" der russischen ökonomischen Verhältnisse mangels zureichender empirischer Daten kaum für realisierbar hält. "Marx konnte das ganze Material des British Museum zusammenstellen, eine getreue Fotografie des englischen Kapitalismus. Aber wir können uns nicht in Moskau niederlassen, wo wir gefälschte Unterlagen vorfänden" ["5 lettere", S. 10]). Vor allem gilt dies Verfahren für die politische Analyse der Nachkriegszeit. Was ist geblieben von der russischen Revolution angesichts einer weltweiten Offensive der Kräfte der Konterrevolution? Dies zu bestimmen, heißt den historischen Materialismus vom triumphalistischen Tand und Flitter frei zu machen, ihn von einer politischen Ideologie wieder zur politischen Wissenschaft werden zu lassen. "Der Marxismus ist nicht die Lehre von den Revolutionen, sondern die Lehre von den Konterrevolutionen: alle wissen sich zu bewegen, wenn sich der Sieg abzeichnet, jedoch nur wenige wissen dies zu tun, wenn die Niederlage kommt, sich kompliziert und andauert" ("Lezioni", S. 9).

XVII. Die Revolution in Rußland begreift Bordiga als Doppelrevolution nach dem historischen Vorbild der 1848 in Deutschland vergebens versuchten "bürgerlichen und proletarischen Doppelrevolution: Die bürgerliche siegte auf dem ökonomischen und gesellschaftlichen Gebiet, nachdem die verbündeten Bourgeois und Arbeiter auf politischem Gebiet verloren hatten [...] In Rußland gab es nach dem doppelten politischen und gesellschaftlichen Sieg von 1917 die proletarische gesellschaftliche Niederlage, zu datieren um 1928. Es blieb der kapitalistische gesellschaftliche Sieg" ("Lezioni", S. 26). Bordiga versucht hier eine Typologie von Revolutionen zu konstruieren, die zugleich eine Typologie gesellschaftlicher und politischer Konsequenzen konterrevolutionärer Rückschläge einbegreift. Bei diesem Verfahren bleiben historische Möglichkeit und historische Wirklichkeit - das 1848er Beispiel zeigt‚s - ungeschieden. Es geht ihm vorderhand um Annäherungen an Gegenwärtiges und vor allem um die Abwehr hastig skizziertet "dritter Wege", die kein historischer Atlas je verzeichnen wird. "Der Revolutionär sucht die Konstanten der historischen Funktionen, die ihm bestätigen (und um so besser, wenn Jahrhunderte dazwischen liegen), daß man die Geschichte in allgemeine Linien der Uniformität einfangen kann, aufgrund gleichförmiger Wendepunkte der ökonomischen Basis. Der Opportunist sucht die Diskordanzen, um Bürgschaften für sein Abgleiten vorweisen zu können" ("Dialogato coi morti", S. 120).

Die Auffassung der russischen Revolution als Doppelrevolution schreibt Bordiga Lenin zu seiner internationalistischen Haltung entsprechend habe dieser sie nie als eine "rein russische" Angelegenheit betrachtet, ebensowenig die Frage der revolutionären Partei. "Lenin sah die Möglichkeit seiner Partei, Trägerin der proletarischen politischen Revolution in der Welt und daneben auch der kapitalistischen gesellschaftlichen Revolution in Rußland zu sein: nur mit den beiden siegreichen Prämissen konnte Rußland ökonomisch sozialistisch werden. Stalin sagt, daß seine Partei den ökonomischen Sozialismus im alleinigen Rußland durchführt; tatsächlich haben sein Staat und seine Partei sich darauf reduziert, Träger der einzigen kapitalistischen gesellschaftlichen Revolution in Rußland und Asien zu sein. Immerhin arbeiten über die Menschen hinweg diese historischen Kräfte für die sozialistische Weltrevolution" ("Lezioni" S. 28).

XVIII. Die Doppelrevolution in Rußland, reduziert auf die als progressiv bezeichnete "kapitalistische gesellschaftliche Revolution", ist dennoch dank des in sie eingeflossenen proletarisch-sozialistischen Antriebselements mehr als eine "rein bürgerliche" Revolution, allein weil es dieser Revolution gelungen ist, die passive Bindung beträchtlicher proletarisch-revolutionärer Elemente durch die nationalkommunistischen, stalinisierten Parteien des kapitalistisch entwickelten Westens auf längere Dauer zu erreichen. Bordiga begreift um 1951 die auf Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise reduzierte und konzentrierte "Hälfte" der Doppelrevolution in Rußland positiv als eine Revolution, die trotz aller "Phasen-verschiebungen" letztlich der kommenden "einfachen" proletarischen Revolution ökonomisch-abstrakt verbündet bleibt, weil sie dieser den Weg erleichtern kann, das sozialistische "Endziel" in den entscheidenden großen kapitalistischen Zonen der Welt zu erreichen. Seine Behauptung, der Kapitalismus in Rußland sei noch "jung", die Verhältnisse "tendierten" erst auf ihn hin, widerspricht nicht seinem gleichzeitigen Warten auf das "Ende" der Revolution der forcierten Akkumulation.

XIX. "Die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR", Stalins von Februar bis September 1952 verfaßter theoretischer Artikel, befördert die von Bordiga erhoffte Klärung der Verhältnisse in Rußland. In mehreren Abschnitten von Oktober 1952 bis Februar 1953 geschrieben und als Broschüre mit dem Titel "Dialogato con Stalin" im Frühjahr 1953 anonym veröffentlicht, befaßt sich Bordiga in einer weit ausholenden theoretischen Abhandlung mit den von Stalin vertretenen Thesen. Gegen Stalins Versuch, das Weiterbestehen von Wertgesetz, Warenproduktion sowie den Verhältnissen des inneren wie des Weitmarktes mit dem Sozialismus auf ökonomischem Gebiet als durchaus kompatibel zu deklarieren, wendet sich Bordiga mit sicherer Handhabung des begrifflichen Apparats der Kritik der politischen Ökonomie, auf deren Phasen kollektiver Einübung in seiner Partei er immer wieder hinweist. In minuziöser Beweisführung vertritt Bordiga gegen Stalin die Inkompatibilitätsthese: "Für uns definiert kapitalistische Ökonomie jedes System von Warenproduktion in der modernen Welt, in der Welt der assoziierten Arbeit, bzw. der Zusammengruppierung der Arbeiter in Produktionsbetrieben, " Der Text Stalins gibt laut Bordiga weiterhin Aufschluß über die empirisch vorhandenen ökonomischen Verhältnisse Rußlands. Anstelle der behaupteten ersten Phase des Sozialismus gebe es noch nicht einmal "einen kompletten Staats-kapitalismus", sondern "nur einen Staatsindustrialismus"; das Verhältnis Landwirtschaft-Industrie sei trotz unaufhaltsamen Vormarschs der letzteren noch immer traditionell bürgerlich bestimmt und "bezogen auf dieses Verhältnis gibt Stalin zu, noch nicht einmal Innovationen vorzuhaben, die sich, sagen wir, nicht dem Sozialismus, sondern einem stärkeren Etatismus annähern" ("Dialogato con Stalin", S. 17, 14, 15).

Stalins Behauptung, die in Staatsbetrieben hergestellten Produktionsmittel und Maschinerien hätten zufällig Warenform wegen eines nur äußerlichen Verhältnisses, des Außenhandels, tritt Bordiga entgegen mit der These, daß "der klassische Imperativ: exportieren, um mehr produzieren zu können " eben auch für die Sowjetunion gelte, sich folglich die Warenproduktion noch vergrößere und erweitere, und vor allem in der Binnenwirtschaft Rußlands "ein wahres Import-Export-Geschäft zwischen Stadt und Land, zwischen den berühmten verbündeten Schichtenstattfindet" (S. 32). Wenn also von "Übergang" in Rußland gesprochen werden könne, dann "nicht vom, sondern zum Kapitalismus".

XX. Durch die russische Planwirtschaft werde nichts qualitativ Neues bewirkt. "Der Beweis, daß wir im Kapitalismus sind, liegt nicht darin, daß viele Betriebe defizitär sind, sondern darin, daß Stalin und Malenkow sich darüber beklagen und der allgemeine Plan von der berühmten "Rentabilität" konditioniert wird; wie denn auch die periodischen Pläne nur im engen Sinne finanzielle und ökonomische Pläne sind, sie nichtProduktions- und Distributionspläne sind, die mit physischen Größen traktiert werden: Anzahl von Menschen, Stunden, Tagen, Kilogrammen, Kubikmetern, PS und so fort" (S. 58). Der erste wahre sozialistische Plan, verstanden als unmittelbarer "despotischer Eingriff" (Manifest), werde sich so manifestieren: "Erhöhung der Produktionskosten, Reduktion des Arbeirstages, Desinvestierung von Kapital, Nivellierung, sowohl quantitativ wie qualitativ, des Konsums, der unter kapitalistischer Anarchie zu neun Zehntel unnütze Zerstörung von Produkt ist, nur weil dies der "rentablen Geschäftsführung‚ und dem "lohnenden Preis" gehorcht. Drum ein Plan der Unterproduktion, von drastischer Reduktion der produzierten Quote von Kapitalgütern. Leicht werden wir das Gesetz der Reproduktion zerschlagen, wenn endlich Marx‚ Abteilung II (Produktion von Lebensmitteln) dahin gelangen wird, Abteilung I (Produktion von Produktionsmitteln) knock-out zu schlagen" (S. 27).

Bordiga insistiert darauf, aus einer dialektischen" Kapitallektüre die Bewegungsgesetzlichkeiten der sozialistischen Produktion"weise freilegen zu können. Mit Stalins Schrift von 1952 beschäftigt er sich "gegen der in ihr enthaltenen Angaben über die zeitgenössische Situation Rußlands, nicht wegen der ihr unterstellten Zukunftsprophezeiungeri, die Bordiga kategorisch negiert. "Der Kampf geht auf dem Terrain des Ziels vor sich und nicht auf dem des Mittels, zu dem wir andererseits eine Fülle lebenden und kräftigen Materials haben, das für günstige Zeiten bereitsteht. Es istZeit, vor die verbundenen Augen der revolutionären Klasse das Wesen dessen erneut zu stellen, was sie wird erobern müssen, und sie nicht in Paraden zu scharen und sie nicht in dramatischen Tönen krampfhafter Nachtwachen zu harangieren" (S. 7).

XXI. Seit Gründungszeiten der Komintern hatte es Auseinandersetzungen zwischen den italienischen Linkskommunisten und den Bolschewiki auf dem "Terrain der Mittel", dem Gebiet der revolutionären Taktik, gegeben. Nun sieht Bordiga durch Stalin und dessen Gefolgsleute die Grundpositionen des Marxismus auf dem "Terrain des Ziels" in Frage gestellt. Ihre Revision der Kritik der politischen Ökonomie besteht für Bordiga darin, eine Aufeinanderfolge von typologisch unterschiedenen Stufen des Kapitalismus zu postulieren, deren jede sich durch Modifikation der wesensbestimmenden Bewegungsgesetze auszeichne. Der logische Fehler dieser Leute liegt für Bordiga darin, dort eine typologische Stufenverschiedenheit zusehen, wo es sich in Wirklichkeit um die Unterschiedlichkeiten in den Entwicklungsphasen des von seinem Entstehen bis zu seinem Vergehen "invarianten" Kapitalismus handele. " Sie behaupten, daß die ökonomischen Gesetze des monopolistischen Kapitalismus sich als grundverschiedenst von denen des Marxschen Kapitalismus enthüllt hätten. Und dann behaupten dieselben Leute, daß die ökonomischen Gesetze des Sozialismus gut und gern dieselben werden bleiben können wie die des Kapitalismus" (S. 33).

Was der heutigen Generation derkritischen Marx-Leser am stalinistisch zusammengehastelten "Leninismus" als unliebsam, wissenschaftshemmend, der "Theoriebildung" abträglich auffiel und was sie auf das Unverständnis der "Logik des Kapitals" zurückführte, sieht Bordiga, ihr hierin durchaus vorlaufend, darüber hinaus jedoch als historisches Produkt der Selbstverständigung unter den bewußt bewußtlosen Protagonisten des gigantischen Industrialisierungsprozesses im Osten. "Die Ehrung, die wir" einer Schar von Dümmlingen zum Trotz, dem "großen Stalin" darbringen, ist diese. Gerade insofern sich der Prozeß einer anfänglichen kapitalistischen Akkumulation vollzieht, und wenn wirklich dieser in den Provinzen des immensen China, im geheimnisvollen Tibet, im sagenumwobenen Zentralasien, woher der europäische Stamm kam, ankommt" wird dies revolutionär sein" wird das Rad der Geschichte vorantreiben. Aber das wird nicht sozialistisch, sondern kapitalistisch sein, In jenem großen Sektor des Globus ist das überschwengliche Lobpreisen der Produktivkräfte nötig. Aber Stalin hat recht, wenn er sagt, daß es nicht das Verdienst Stalins ist, sondern der ökonomischen Gesetze, die ihm diese "Politik" aufzwingen. Seine ganze Unternehmung besteht in einer falschen Benennung, in einem Etikettenschwindel: auch dies ein klassisches Mittel ursprünglicher Akkumulatoren" (S. 28).

XXII. Bordiga nennt deshalb Stalin einen "romantischen Sozialisten". Er sei Exponent der "in der proletarischen Internationale alleingelassenen russischen Gesellschaft", die sich zwangsläufig das ganze "romantische" Gepäck aller bürgerlichen Revolutionen angeeignet habe. "Das Blut, die Verfolgungen, die Komplotte, die Prozesse, die Deportationen und vielleicht sogar der wiederbenutzte Knut hindern nicht, daß man heute diese hybride Bewegung, die das Weltproletariat verseucht, als Romantik definiert, auch wegen des abgeschmackten und saudummen Heroenkults" (S. 62). Die so benannten Erscheinungsformen des "romantischen Sozialismus", die auf dessen Stärke hinzuweisen scheinen, sind jedoch wenig hilfreich, die Schwierigkeiten zu eliminieren, die just im Prozeß dieser jugendlichen Akkumulation in Rußland auftreten. Bordiga sieht seinen "Exgenossen", den klassischen Zentristen Stalin, in einen Zweifrontenkampf verwickelt, dem dieser nicht mehr mit "administrativen Maßnahmen" oben angeführter Art beikommen kann. Stalin selbst wird so in seinen letzten Lebensmonaten willentlich-unwillentlich zum Künder der sich abzeichnenden Krise des "Stalinismus".

"Der fragliche Text schlägt sich dialektisch an zwei Fronten. Einige sagen dies: sollte unsere Ökonomie bereits sozialistisch sein, so wären wir nicht mehr deterministisch auf dem unumgänglichen Gleis ökonomischer Prozesse, sondern wir würden den Verlauf modifizieren können: beispielsweise den Kolchos nationalisieren, den Warenaustausch und das Geld abschaffen. Wenn ihr beweist, daß dies unmöglich ist, laßt uns dann daraus deduzieren, daß wir in einer Gesellschaft mit insgesamt kapitalistischer Ökonomie leben. Was gewinnt man damit, am Gegenteil fiktiv festzuhalten? Andere hingegen möchten, daß man entschieden die vom theoretischen Marxismus fixierten Unterscheidungsmerkmale des Sozialismus aufgebe" (S. 22). Als Vertreter dieser zweiten Richtung in diesem - chinesisch gesprochen - "Kampf zweier Linien" vermutet Bordiga bereits 1952/53 die "Betriebschefs und Betriebsökonomen", deren Ungestüm Stalin bremsen möchte. Insgesamt gesehen scheint Bordiga hier mehr eine Auseinandersetzung auf zunächst theoretischem Gebiet zu vermuten, die möglichen realen Konflikten der Zukunft vorausgeht.

"Beiden Gruppen gegenüber ist Stalin bemüht zu widerstehen. Diese naiven Forscher sind offensichtlich keine aktiven "politischen" Elemente: Beweis ist, daß in einem solchen Falle eine leichte Säuberung sie in die Lage versetzt härte, nicht zu sekkieren. Es handelt sich nur um "Techniker", Experten des gegenwärtigen produktiven Räderwerks, die die einzige Vermittlung sind, durch die die Zentralregierung verstehen kann, ob die Riesenmaschinerie läuft oder sich verheddert; und wenn sie recht hätten, würde es nichts nützen, sie zum Schweigen zu bringen: in irgendeiner Form würde die Krise sich wieder zeigen. Die Schwierigkeit, die heute entstand, oder besser: ans Licht gekommen ist, ist nicht akademischer, kritischer und am wenigsten "parlamentaristischer" Natur [...] Die Schwierigkeit ist real, materiell, steckt in den Dingen und nicht in den Köpfen" (S. 22). Stalins Kampf gegen die eine wie die andere Richtung trägt den Charakter des verzweifelten Heroismus sozialistischer Romantik. "Josef Stalin zufolge kann man in einem Warenmilieu sich befinden und sichere Pläne diktieren, ohne daß der schreckliche Maelström den unvorsichtigen Steuermann ins Zentrum des Wirbels ziehe und ihn im kapitalistischen Abgrund verschlinge. Aber sein Artikel indiziert dem, der als Marxist liest, daß die Kreisbewegungen sich ständig verengen und rascher werden - wie es die Theorie aufgestellt hat" (S. 11).

XXIII. Bordiga erhofft sich von dieser Schrift Stalins, daß sie die "nicht ferne (und auch im revolutionären Sinne nützliche) Beichte" vorbereite. Diese "Beichte", dieses Eingeständnis solle darin bestehen (wie 1956 ausgeführt wird), "die beiden Bindungen für unterbrochen zu erklären: die zwischen der russischen Produktivstruktur und dem Sozialismus; die zwischen der Politikdes russischen Staates und der Politik des Klassenkampfes der Arbeiter aller Staaten gegen die kapitalistische Weltform" ("Dialogato coi morti", S. 4). Beichte oder Geständnis: die eine zu ermutigen wie das andere zu erzwingen, haben "vom Westen her" wie aus dem Inneren der Sowjetunion die Kräfte nicht gereicht, welche Hoffnungen auch immer Bordiga in den fünfziger Jahren auf deren unmittelbares Bevorstehen gesetzt haben mag. "Aufkläreristisches" Vorurteil des marxistischen Analytikers Bordiga, Tendenzen für bereits manifeste Realitäten zu nehmen, deren unmittelbares Durchstoßen in die Erscheinungsebene ihm als sicher gilt, aber wegen der verworrenen ideologischen Gemengelagen und der im gesellschaftlichen Durchschnitt unzureichend konstruierten desideologisierenden Maschinerien in den Gehirnen praktizierender Marxisten sich nicht hat durchsetzen können?

XXIV. In der Zeit zwischen Stalins Tod 1953 und dem Start des ersten Sputnik 1957 beschäftigt sich Bordiga wohl am intensivsten mit der detaillierten Analyse der inneren Verhältnisse der Sowjetunion. Die Prämissen seines Ansatzes, auf die zuvor eingegangen wurde, bleiben dabei unverändert. Es können im folgenden nicht die Vielfalt der analytischen Vorgehensweisen noch die Weite des durchforschten ökonomisch-gesellschaftlichen Feldes dargestellt werden; der Chronist begnügt sich damit, einige ihm wesentlich scheinende Ergebnisse der Forschungen Bordigas mitzuteilen. "Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiedenen Entwicklungsformen zu analysieren und deren innres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung dargestellt werden. " So von Marx (Nachwort z. 2. Aufl. des Kapital) vermahnt, merkt der Chronist an, noch voll in den verschiedenen Arbeitsgängen verwickelt zu sein, die zur einleuchtenden Rekonstruktion des über die "Rußlandfrage" hinausgehenden theoretischen Ansatzes Bordigas unbedingt durchlaufen werden müssen. Arbeitet - im gesellschaftlichen Durchschnitt gesehen - "der heutige Mensch nicht mehr an dem, was sich nicht abkürzen läßt" (Valéry), und wissenschaftliche Theorien sind aus solchem Stoff gewoben, dem abkürzende Verarbeitungsprozesse stets schlecht anschlagen, gleichgültig, ob es sich um ihre ursprüngliche Formulierung oder um die nachvollziehende Aneignung ihrer "fertigen" Form geht, so sei dies hier, das Referat über Bordiga betreffend, auch ruhig ausgesprochen.

XXV. 1954 bis 1955 veröffentlicht Bordiga in Programma comunista eine Rekonstruktion der Positionen von Marx, Engels, Lenin und Trotzki zur Frage der Doppelrevolution in Rußland ("Russia e rivoluzione nella teoria marxista"). Von 1955 bis 1957 erscheint, ebenfalls nacheinander im Parteiorgan veröffentlicht, "Die ökonomische und gesellschaftliche Struktur des heutigen Rußland" (Struttura economica e sociale della Russia di oggi), das "Hauptwerk" zu diesem Thema. Unmittelbar nach dem 20. Parteitag der KPdSU vom 14. bis 25.2.1956 analysiert Bordiga von Anfang März bis Ende Juni desselben Jahres die unmittelbaren Ergebnisse jenes Kongresses, die er verknüpft und in Beziehung setzt mit lang zurückliegenden Wendepunkten der russischen Klassenkampfgeschichte, der Entwicklung der kapitalistischen Weltökonomie und der Komintern. (In Broschürenform wird diese Analyse im September 1956 publiziert: "Dialogato coi morti").

Die "Enthüllungen" des 20. Parteitages über Stalin erstaunen Bordiga nicht, wohl aber die verstärkte Abwendung von einigen, in Worten bisher noch von den Stalinisten verteidigten, Grundpositionen von Marx und Lenin, die im Namen einer "Rückkehr" zu ihnen erfolge. "Dieses ideologische Erdbeben, das nur Ruinen zeigt und vorbereitet [...], muß mit den Erschütterungen des sozialen Untergrunds nicht allein Rußlands, sondern der ganzen Welt erklärt werden " ("Dialogato coi morti", S. 9). Der in der Auseinandersetzung mit dem späten Stalin erprobte Ansatz wird wiederaufgenommen, das Feld der Auseinander-setzungen erweitert.

XXVI. Die These vom "Einholen und Überholen" des westlichen Kapitalismus durch die in Rußland vorherrschende Wirtschaftsweise ist nach Bordiga aus dem Selbstverständnis eines "jungen" Kapitalismus zu erklären. "Die kolossale Konstruktion der Wettbewerbs-"Theorie", derzufolge der Rhythmus der produktiven Progression des russischen Systems den Rhythmus des gegenwärtigen westlich-kapitalistischen Systems schlägt und es in einer gewissen Zeit im absoluten Sinne schlägt - wobei die Entscheidung über die Geschicke der Welt vom platonischen Ausgang dieser Konfrontation unterworfen werde -, drapiert sich mit einer verrückten These: daß ein derartiger Rhythmus in der Welt und in der Geschichte zum erstenmal erscheine und daß seine numerischen Indices das Auftreten eines neuen Prinzips anstelle der alten attestiere. Diese gigantische Mystifikation ist ganz und gar im Spiel der Verteidigung und Erhaltung des kapitalistischen Systems, das zu besiegen man vorgibt" (S. 117).

Aus einem internationalen Vergleich, der in jahrelangerkollektiver Arbeit durchgeführt und in der Methodik verfeinert wird, geht für Bordiga hervor, daß die enormen Zuwachsraten in Rußland durchaus nicht außergewöhnlich sind, sondern sich bei allen sich industrialisierenden großkapitalistischen Ländern in der Phase der anfänglichen Akkumulation sowie nach schweren Zerstörungskrisen nachweisen lassen. Wären hohe Zuwachsraten ein Signum des Sozialismus, so hätte das westliche Deutschland 1955 mit 23 Prozent Zuwachs gegen 12% in der Sowjetunion diese um einiges in puncto Sozialismus geschlagen. Die Sowjetunion isoliert betrachtet, hat es nach den Berechnungen Bordigas den höchsten durchschnittlichen jährlichen Zuwachsrhythmus von 37% in den Jahren 1920-1927 gegeben, in denen die den Fünfjahresplänen unterstellten produktivitätsfördernden Mechanismen noch nicht funktionierten, während in den Jahren der "Pläne" sogar eine leicht rückläufige Durchschnittstendenz zu verzeichnen gewesen sei. Die Lobpreisung der hohen Zuwachsraten erweist sich als ein weiteres Illusionierungsinstrument aus dem Arsenal des romantischen Sozialismus.

XXII. Die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise läßt sich am deutlichsten am sich ändernden Verhältnis des industriellen zum agrikulturellen Sektor ablesen. In "Die ökonomische und soziale Struktur des heutigen Rußland" wird die Agrarsituation mit großer Akribie unter der Fragestellung untersucht, in welchem Umfange sich die "gesellschaftliche kapitalistische Revolution" auf dem Lande durchgesetzt habe. Lenin konstatierte unmittelbar nach dem Sieg der Revolution die Koexistenz "verschiedener sozial-ökonomischer Formationen" in Rußland:

"1. Die patriarchalische bäuerliche Wirtschaft, die in hohem Grade Naturalwirtschaft ist;

"2. Die kleine Warenproduktion (hierher gehört die Mehrzahl der Bauern, die Getreide verkaufen);

"3. Der privatkapitalistische Kapitalismus;

"4. Der Staatskapitalismus;

"5. Der Sozialismus."

Lenin sei es vor allem auf die Eliminierung der zahlenmäßig weit verbreiteten zweiten Gruppe der kleinen Warenproduzenten angekommen. Bucharins "zu kühnes" Agrarprogramm zur Förderung und Entwicklung einer höheren Form des Privatkapitalismus auf dem Lande hätte theoretisch gesehen immerhin zur massiven Akkumulation und technischen Rationalisierung und damit zur Aufhebung der zweiten Formation Lenins führen können. Bei Beibehaltung der proletarischen Staatsmacht hätten dann die agrarischen Privatkapitalisten zu gegebener Zeit enteignet werden können, um so die vierte Formation des Staatskapitalismus in der Landwirtschaft zur vorherrschenden zu machen. Angesichts des sozialistischen Ziels des Kampfes, nämlich die bäuerliche Beschränkthejt zu überwinden, habe die von den zentristischen Stalinisten vertretene Form der Kollektivierung sich als zutiefst rückständig erwiesen. Der Kolchos stelle mit der " Verschmelzung des Familieninstituts mit der Produktionseinheit, eine "subbourgeoise Form" dar. Bordiga" weit entfernt, die Rolle von Gewalt und Terror im Prozeß der Zwangskollektivierung zu niedrig anzusetzen, sieht gleichwohl darin nicht den einzigen Grund für die Durchsetzung der Kolchosform unter den Bauern in Rußland. "Wir sehen die Kraft, die den Bauern in die Kolchosen zog, nicht in einer Überwindung seines Egoismus [...], sondern in einem dialektischen Verhältnis, das sich zwischen der Bauernschaft und jederkleinbürgerlichen Schicht und dem mächtigen Zentralstaat entwickelt. Der Parzellenbauer hat vor dem Staat solange einen Horror" wie er ihm Steuern abverlangt. Er wird vorn Staat aber stark angezogen, wenn sich mit konkreten Beispielen das Angebot von Zuschüssen der Verwaltung, der Erraffung von "Regierungsgeldern" abzeichnet. -Der Bauer, bereits von den Kulaken ausgenommen und auf fast totalen Pauperismus reduziert, wurde von der Gewißheit angezogen, daß im Kolchos, außer daß ihm für die Arbeit auf den Kollektivfeldern mindestens das bezahlt wurde, was auch der Kulak ihm zahlte, ihm ein Stück Feld, das Vieh, die Gerätschaften und Sämereien geschenkt würden" ("Struttura" II, S. 143).

XXVIII. Was Trotzki ("Verratene Revolution") mit dem Bild des Rückwärtslaufens des Films der Kollektivierung bezeichnet, nämlich die Wiederherstellung der kleinen individuellen Bauernwirtschaften im Rahmen des Genossenschaftsverbandes bzw. neben ihm, ist für Bordiga - der Trotzkis Darstellung folgt, ohne dessen Schlüsse sich zu eigen zu machen - eine Seite des Kompromisses, den Stalin mit den Bauern hat schließen müssen. "Der Kompromiß Stalins hat außer dem Unheilvollen, Potential und Zielrichtung des Wortes sozialistisch zu töten, auch noch das andere, nämlich keine Perspektive zu besitzen, in Zukunft die unechte Form zu zerstören, womit er sich kompromittiert hat: den Individualismus - schlimmer noch: den ländlichen Familialismus - den Lenin und Trotzki zusammen mit uns verfluchen. Der Kolchos ist eine statische, sich nicht entwickelnde Form, es sei denn im Sinne einer größeren Anmaßung egoistischer, auf Erbschaft versessener Begierden, in der das Kapital des Kooperativunternehmens sich nicht akkumuliert, um die klassische Explosion Marxens vorzubereiten, sondern um Käse auf die Makkaroni des platten antisozialen bäuerlichen Mikroreichtums zu streuen. Morgen wird der Staat darin nicht einen Chef allein finden, den er mit der Faust festhält, um die produktive Maschine zu sozialisieren, sondern ein wirbelloses Tier mit hundert, tausend Lebensadern, die unmöglich alle zu erreichen sind" (II, S. 159).

Der Kompromiß Stalins mit den Kolchosbauern bedeutet für Bordiga wegen der damit verbundenen, "subbourgeoisen" gesellschaftlichen Auswirkungen "die wahre Kapitulation bolschewistischen Ruhms".

XXIX. Der Kolchos, statische Form der Produktion in der Doppelbestimmung durch den genossenschaftlichen und privaten familialen Sektor, bleibt für Bordiga auf der Seite der privatkapitalistischen Aneignungsweise. Der Kolchos sei als eine "kapitalistische Firma, zu betrachten. Die Kolchosbauern seien einmal, gesellschaftlich betrachtet, selbstwirtschaftende Kleinsteigentümer, in ihrer Funktion als Genossenschaftsbauern zugleich Lohnarbeiter und "Unternehmensaktionäre. Der juristische Eigentumstitel des Staates an Grund und Boden des Kolchos sowie der privaten Kleinparzellen sei nur fiktiv. Der Kolchos möge zwar hohe Steuern zahlen, doch auch in den traditionellen kapitalistischen Staaten würden diese von den wirklich nominellen Grundeigentümern an den Staat entrichtet. Da die Steuern nicht den Satz einer Grundrente erreichten, denn dann wäre die Kolchosgenossenschaft als Pächter zu betrachten, könne sie als Kollektivunternehmen de facto als Grundeigentümer angesehen werden. Die Mischform des Kolchos bleibe durch das Überwiegen des privat familienwirtschaftlichen Anteils an der Gesamtproduktion auf der zweiten Stufe Lenins, der kleinbäuerlichen Warenproduktion angekettet stehen.

XXX. Beim näheren Hinsehen auf die Erscheinungsformen des "jungen" Kapitalismus in der Sowjetunion macht Bordiga dessen vertrackteste, verfahrenste Lage in der Landwirtschaft aus, wo die mit der Kolchosifizierung sich durchsetzenden mischförmigen Eigentumsverhältnisse gar nicht erst positiv als "Entwicklungsformen der Produktivkräfte" fungieren, sondern von Anfang an als "Fesseln derselben". Die permanente Krise der russischen Landwirtschaft habe dazu geführt, daß der Sowjetstaat zu Ungunsten des Industriearbeiterproletariats laufend den von diesem produzierten Wert und Mehrwert von der Stadt aufs Land transportiere. Der Staat werde so von der gesellschaftlichen Mehrheit der kleinbürgerlich-kleinbäuerlichen Interessen abhängig und sei daher als natürlicher Klassenverbündeter der traditionellen kapitalistischen Schichten der ganzen Welt selbst dann anzusehen gewesen, als -wie zu Stalins Zeiten- das "staatsindustrialistische" Kapital nicht in die internationale Zirkulation eingeflossen sei. Die Arbeiterklasse sei lange nicht mehr an der Macht. Sie ist "eine Klasse, ausgebeutet und beherrscht von einer Kompromißmacht zwischen inländischer Bauernklasse und Weltbourgeoisieklasse" (II, S. 179).

Der "Bürokratie" in dieser Analyse der Klassenverhältnisse irgendeine entscheidende Rolle zuzuschreiben, lehnt Bordiga weiterhin ab. "Von den drei Klassen in Marx‚ Modell der bürgerlichen Gesellschaft bleibt die Klasse der Arbeiter weiterhin die ausgebeutete Klasse. Die kapitalistische Klasse wird repräsentiert durch den Verwaltungsstaat. Dieser ist zu verstehen nicht als Kollegialorgan seiner hochrangigen Funktionäre" sondern als Wettbewerbskanal für die Kräfte des bürgerlichen Kapitalismus des Auslands. Die Grundbesitzerklasse hat eine nicht minoritäre, sondern "populistisehe" Form angenommen in Gestalt eines Konsortiums bäuerlicher Konsortien, an die eine hohe Grundrente zurückfließt, abgeteilt vom Mehrwert, den das beherrschte und ausgebeutete Proletariat abgibt" (II, S. 169).

XXXI. Die Koexistenz verschiedener Wirtschaftsformen, die faktische Unternehmensautonomie auf der einen, der zurückgehende Staatsinterventionismus despotischen Charakters in Industrie und Landwirtschaft auf der anderen Seite sind Indizien für die immanente Anarchie des ökonomischen Systems der Sowjetunion, für die Bordiga nicht zuletzt die vielfältigen, permanent von der russischen Presse denunzierten vergeudungskapitalistischen Syndrome anführt. Gesellschaftlicher Ausdruck dieser Anarchie ist nicht die Bürokratie, sie ist bestenfalls deren Funktion. "Wir haben viel Arbeit darauf verwendet, um zu beweisen, daß die Bürokratie keine Klasse ist und kein Subjekt der Macht werden kann, wie im Marxismus der Führer" der Tyrann, die Clique oder die Oligarchie kein Machtsubjekt ist. Die Bürokratie ist ein Machtinstrument aller historischen Klassen, und sie wird verfaulen, wenn diese altersschwach geworden sind, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten von Judäa, die Prätorianer und liberti Roms. Den Übergang vom Zarismus zu einem industriellen Kapitalismus vermischt mit freier Landwirtschaft zu verwalten, konnte man schlecht bewerkstelligen ohne einen ausgedehnten bürokratischen Apparat, der Schwächen und Gefahren enthält. Eine zentralisierte Partei mit starken Traditionen dürfte nicht die Bürokratie an sich fürchten und kann ihr entgegentreten mit den von Marx und Lenin lobend hervorgehobenen Maßnahmen der Kommune: wohlfeile Regierung, Rotation und nicht Karriere, Lohn in der Höhe des Arbeiterlohns. All die zahllosen Degenerationen sind Folge und nicht Ursache der umgestülpten politischen Kräfteverhältnisse.

Nicht der Sozialismus wird das Gewicht der Bürokratie fürchten müssen, wohl aber die direkte, auf rechnerisch isolierte, aber verstaatlichte Betriebe basierende Ökonomie: der Staatskapitalismus, der im Warenbecken schwimmt. Dieser warenwirtschaftliche Etatismus-Dirigismus entgeht nicht all den unnützen anarchischen Rechenoperationen der doppelten Buchführung und der Individualrechte physischer und juristischer Personen. In einemwarenwirtschaftlichen Milieu bewegt sich der sperrige öffentliche Apparat nur aufgrund einzelner und privater Initiative: alles wird gemacht auf Anfragen, die von der Peripherie zum Zentrum gehen, sich das Feld streitig machen, peinlich genaue Gegenüberstellungen und Berechnungen erfordern, auchum nur verworfen zu werden" (II, S. 464).

XXXII. Es ist verfehlt, die Bürokratie aufs Korn zu nehmen, um die gesellschaftlichen Zustände Rußlands zu bezeichnen. Bordiga schlägt dafür den Begriff "gesellschaftlicher Kolchosianismus" vor. Der Besitztitel für privaten Hausbesitz, keineswegs vorrevolutionäres Relikt, sondern durch die Verfassung von 1936, Produkt der auf die "gesellschaftliche kapitalistische Revolution" verkürzten Doppelrevolution, garantiertes Recht, sowie die Möglichkeit der Vererbung dieses Besitztitels seien nicht Ausdruck individuellen, sondern familialen Eigentums, eine Transponierung des Kolchosnikmodells auf die städtische Bevölkerung.

"Die "kolchosianische" Gesellschaft, definiert durch Ausdehnung dieses Adjektivs über das Ursprungsgebiet der agrarischen Parzellenproduktion auf das jeder Struktur, die ihren Dreh- und Angelpunkt in Individuum, Familie, Wohnhaus, Wohnungsausstattung, einem häuslichen Sondervermögen hat, ist nicht eine Form, die in der Geschichte existiert, noch je historisch existieren wird, sondern nur eine Schicht hybrider Krustenbildung, aufgesetzt auf die Formen ökonomischen Einflusses und Machteinflusses des Kapitals. Ihre Generalisierung ist keine Gegebenheit geschehender Geschichte, sondern nur eine Klassenillusion [...]. Die labilen und rückgratlosen Formen des gesellschaftlichen Kolchosianismus folgen einander auf dem Hintergrund des erstrangigen Kampfes zwischen Kapital und Proletariat, sie sind von großer Selbstverständlichkeit in allen historischen Phasen der Auflösung und Degeneration der Arbeiterbewegung" (II, S. 411).

Der "gesellschaftliche Kolchosianismus" ist kein besonderes, spezifisch russisches Phänomen. Er ist dialektisch zu begreifen als vorübergehendes konterrevolutionäres Ergebnis einer steckengebliebenen kapitalistischen Revolution in einem riesigen Land. Allgemein und über Rußland hinaus ist der "gesellschaftliche Kolchosianismus" überall dort anzutreffen, wo sich "ein zellenhaftes und blutarmes Zwergkapital in den Händen der Opfer des Kapitalismus verteilt" findet, in den USA ebenso wie in Westeuropa. "Gesellschaftlicher Kolchosianismus" ist die empirisch vorherrschende Daseinsform der Massen von Proletariern und Zwischenschichtlern, die auf jene zurutschen, in den Ländern mit entwickeltem und überentwickeltem Kapitalismus. "Gesellschaftlicher Kolchosianismus" ist das Ensemble der im Privatismus zurechtgebogenen stumpfen Waffen und dürren Hilfsmittel, privatistisch den Kampf gegen die Proletarisierung, die Auszehrung, Austrocknung und Verelendung der gesellschaftlichen Produktivkräfte innerhalb und außerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses auszufechten. Die "Konkurrenz unter den Arbeitern selbst" (Manifest), die "Atomisierung" der einen Klasse, ist seine nicht kraß unmittelbare, sondern organisatorisch höchst diffizil "vermittelte" Voraussetzung; der "romantische" Sozialismus" altstalinistisch, eurokommunistisch-jesuitisch oder gar linksgodesbergianisch gewandet, sein notwendiges ideologisches Komplement.

XXXIII. Vierzig Jahre nach der großen russischen Revolution, im Jahre 1957, versucht Bordiga einen Rückblick auf die Jahrzehnte ihrer unmittelbaren Auswirkungen, auf die Voraussetzungen ihrer eigenen Entwicklung, d.h. auch auf das internationale Proletariat, und zugleich eine Vorausschau auf die kommenden zwanzig Jahre, bis 1977 also.

"Im Verlauf der kommenden zwanzig Jahre werden Industrieproduktion und Welthandel eine Krise vom Ausmaß der amerikanischen Krise von 1932 kennenlernen, die diesmal den russischen Kapitalismus nicht verschonen wird". Befinden wir uns am Anfang, mittendrin, oder sind wir erst in einer "leichten" Vorläuferkrise, einer, mit Verspätung gegenüber der Voraussage Bordigas, einsetzenden gigantischen Krise? In der Sicht Bordigas wird die Krise in eine Revolution einmünden können, wenn eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein werden, zu denen nicht das aktive Eingreifen Rußlands gezählt wird. - "Kann man es wagen, die Umrisse der zukünftigen internationalen Revolution zu skizzieren? Das Zentrum dieses Gebiets wird in den Ländern liegen, die auf die Verwüstungen des 2. Weltkriegs mit einem mächtigen Wiederaufschwung reagierten: in erster Linie Deutschland" Ostdeutschland eingeschlossen, Polen und die Tschechoslowakei. Der erbarmungslosen Enteignung aller Besitzer "volkskapitalistischen" Vermögens wird ein proletarischer Aufstand folgen, dessen Kerngebiet zwischen Berlin und dem Rhein liegen wird. Norditalien und der Nordosten Frankreichs werden rasch in die Bewegung einbegriffen werden. [...] Daß Stalin und seine Nachfolger auf revolutionäre Weise Rußland industrialisierten, während sie konterrevolutionär das Weltproletariat kastrierten" wird die kommende Revolution aufzeigen: für sie wird Rußland eine Reserve an Produktivkräften und erst später an revolutionären Armeen bereitstellen" (Revolution und Konterrevolution, S. 83).

XXXIV. Der Teil unseres Kontinents, in dem Bordiga zufolge die nächste große proletarische Erhebung stattfinden soll, zeigt 1977 weder von den "subjektiven" wie objektiven Voraussetzungen her nennenswerte Anzeichen für das Eintreffen seiner Prognose. Das alte marxistische "Junktim" in der Revolutionstheorie: das untrennbare Aufeinanderbezogensein der Revolution im Westen und der russischen Revolution, besteht für Bordiga 1957 nicht mehr. Dafür schließt er ein Durchbrechen des "Eisernen Vorhangs" von einst nicht aus. Immerhin haben die von Bordiga bezeichneten Landstriche vor 1957 wie in den beiden nachfolgenden Jahrzehnten eine Reihe von sozialen und politischen Erschütterungen zu verzeichnen gehabt, von denen sich schlecht vorhersagen läßt, ob sie in sich zusammengefallen oder als Vorläufer weitaus stärkerer gesellschaftlicher Erdbeben anzusehen sind. Bordiga betont ausdrücklich, daß den exakten Zeitpunkt zu fixieren nicht Ziel einer marxistischen Prognose ist.

"Es ist nicht schwerwiegend, daß der Revolutionär die Revolution näher sieht als sie ist; unsere Schule hat sie schon viele Male erwartet: 1848, 1870, 1919. Deformierte Blicke haben sie 1945 erwartet. Schwer wiegt" wenn der Revolutionär eine Frist setzt, um dafür den historischen Beweis zu erhalten: niemals hat der Opportunismus anderen Ursprung gehabt" nie hat er anders seine Verfälschungskampagne geführt, deren vergiftendste die des Sozialismus in Rußland ist" (II, S. 451).

In der Kunst der historischen Voraussage sich zu irren, scheint also mit dem Praktizieren dieser Kunst selbst zusammenzuhängen. In unseren Zeitläuften scheint der point d‚honneur einer großen Reihe von Marxisten darin zu liegen, "Lernprozesse" aufzudecken" die in Gestik und Jargon proletarischer Eigentlichkeit sich entäußern, als seien just dort die Antriebssätze proletarisch-revolutionären Emanzipationswillens verborgen. Bei der mit scheelem Blick praktizierten Kontemplation der "Lernprozesse" anderer ist den Marxisten" die den historischen Materialismus als Wissenschaft betreiben können, der jahrzehntelange Entlernprozeß der Grundaufgaben der historischen Materialisten, materialistisch-dialektischen Historiker - welch Balken im eigenen Auge! - scheint‚s "völlig entgangen". Die wohl wichtigste dieser "vergessenen" äußerst schwierigen, aber durchaus in Geduld einübbaren Aufgaben ist wohl die der historischen Voraussage. Sich damit vertraut zu machen, setzt nur das genaue Studium vergangener und gegenwärtiger Geschichte von Klassenkämpfen voraus.

XXXV. Der Sieg der russischen Doppelrevolution vor 60 Jahren über Zarismus und anschließend der erfolgreiche Widerstand der gegen die Revolution koalierten kapitalistischen Großmächte in den Schreckensjahreri des Bürgerkriegs haben das Zeitalter der "einfachen" proletarischen Revolutionen in den entwickelten kapitalistischen Ländern eingeleitet. 1920 war der "erste" russische Kapitalismus am Ende, unterkapitalistische Wirtschaftsformen drohten die wenigen großkapitalistischen Zitadellen zu überwuchern wie einst die Urwälder Hinterindiens und Mexikos die großen Tempelstädte. Nur wenig Zeit, wenig Zeit innerhalb des alltäglichen Arbeitspensums wie wenig Zeit an Jahren, blieb den wenigen Kommunisten, die mit dem Mut des proletarisch-revolutionären "Politikers" und der historisch-materialistischen Einsicht in die schwer durchschaubare Vielfalt der changierenden ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnisse Rußlands den Versuch unternahmen, die künftigen "Dinge beim Namen zu nennen", bevor das Ideologem vom 1925 als möglich proklamierten und heute als "real" dekretierten "Sozialismus in einem Land" sich gleichsam in einen allgegenwärtigen Fetisch verwandelte und seither "wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden lastet".

Die "ihren" Kapitalisten gratis gegebene Versicherung, die kapitalistische sei die beste aller Produktionsweisen, drücken die Lohnarbeiter aller Länder in kollektiven Wünschen nach Veränderung aus: "die bestehende Gesellschaft, aber ohne ihre Mißstände" (Engels über Dühring) soll es sein. Das Ideologem vom "Sozialismus in einem Land" samt all den von ihm ausgehenden und darauf zurücklaufenden, Parteigänger und geneigte Gegner durchziehenden Denkhemmungen und Denkverboten hat auf dem theoretischen Gebiet nochmals die Schranke aufgerichtet, die das durchschnittliche unmittelbare Alltagsbewußtsein der Proletarier "von sich aus" nicht überspringen wird.

XXXVI. Bordiga hat die Anwürfe seiner politischen Gegner, Sektierer, Dogmatiker, talmudistisch verknöcherter Marxist zu sein, stets als Ehrentitel für seine hartnäckige Verteidigung des orthodoxen "invarianten" Marxismus empfunden. Als affirmativer Parteikommunist in der Tradition der frühen Dritten Internationale beschwört er den "berechtigten Parteisektarismus" und definiert so sein eigenes Verhalten, das bestimmt ist, aus revolutionären Zeiten die mit den begriffenen Erfahrungen eben dieser Zeiten bestätigten Grund-positionen des Marxismus durch lange konterrevolutionäre "Dürreperioden" hindurch in Besserung der revolutionären Chancen versprechende Zeiten hinüberzuretten. Für die Beurteilung Bordigas durch seine Zeitgenossen scheint bisher zu gelten, was Carl Gustav Jochmann zur öffentlichen Meinung Robespierre gegenüber anmerkte: "Zu allen Zeiten galten dem Parteigeiste Schmähungen für die gründlichste Antwort, und nirgends findet sich die Anzeige der Quellen, aus welchen jene angeblich besser Unterrichteten ihre Überzeugung schöpften." Dennoch - von Bordiga selbst nicht geleugnet, sondern als historisch notwendig geradezu trotzig af firmiert, von seinen Gegnern aus den eigenen, den des gemeinsamen revolutionären Aufbruchs Reihen als "gründlichste Antwort" ihn "erledigend" angeführt, scheint das Sektierertum dieses stets deterministischen, nie jubilierend subjektivistischen Parteikommunisten schlechterdings nicht bestreitbar. Noch ist nicht erfolgt, was einer überlegten Antwort dazu den Weg vorbereiten kann: die getreue Nachzeichnung der wesentlichen Züge des Gesamtverhaltens, der vita politica, eines heterodox erscheinenden, stets nur orthodox sein wollenden Parteikommunisten, das nur aus der Kominterngeschichte wie der Geschichte der linkskommunistischen Gruppierungen in Europa sich begründen läßt.

Die von Bordiga skizzierte Lösung der "Rußlandfrage" ist ohne weiteres Ausdruck eines "berechtigten Parteisektarismus", den auch Marx rechtfertigt - vorausgesetzt, die vor mehr als 100 Jahren (Brief an Bolte, 23.11.1871) geäußerte Auffassung bezeichnet unsere heutige Situation: "Solange die Sekten berechtigt sind (historisch), ist die Arbeiterklasse noch unreif zu einer selbständigen geschichtlichen Bewegung. " Absolut sektiererisch, total wirklichkeitsentfremdet, nimmt sich Bordigas Rußlandanalyse gewiß nicht aus.

Nie in die russische Revolution "verliebt", konnte sich Bordiga auch nicht mit der abweisenden Gebärde des enttäuschten Liebhabers von ihr abwenden, wie dies viele Linkskommunisten taten - oder mit einem "credo quia absurdum est", wie andere die Apologie des von ihr in die Welt gesetzten "Sozialismus" betreiben. Nie hat sich Bordiga zu einer derartigen postumen Desavouierung der russischen Revolution bewogen gefühlt wie der Rätekommunist Pannekoek, der 1938 über Lenins "Materialismus und Empiriokritizismus" schreibt: "Wäre man damals (vor dem 1. Weltkrieg, CR) imstande gewesen, es richtig zu interpretieren, man hätte voraussagen können, daß die kommende russische Revolution den Charakter einer bürgerlichen Revolution tragen und in irgendeinen, sich auf die Arbeiter stützenden Kapitalismus ausmünden müsse" (Lenin als Philosoph, S. 113). Bordiga hätte daraus gefolgert, daß angesichts der von Pannekoek beschriebenen Schwächen der russischen Revolutionäre man damals ihnen mehr Hilfe hätte zukommen lassen müssen - wie auch immer der Ausgang der Revolution gewesen wäre. Sein Interesse an der eigenen revolutionären Richtung war zu groß, um sich von irgendwelchen Hindernissen im Verlauf revolutionärer Abläufe irritieren zu lassen. So hat er es auch zu Zeiten Stalins und seiner ersten Nachfolger nie unterlassen" nach Marxisten der alten und der erhofften jungen Generation zu forschen, die unter dem rituellen Jargon des Stalinismus, durch treffliches Zitieren der Klassiker sich verratend, die international verständliche und für ihn international allein gültige Sprache des Marxismus vermuten ließen. Ihre Existenz in der Sowjetunion hat er nie bestritten. Ihre Schwäche hat er sich widerwillig eingestehen müssen; sonst wäre von ihnen die erhoffte Beichte, das große Geständnis ausgegangen.

Nachbemerkungen

Der Aufsatz über Bordigas Rußlandanalyse skizziert nur, was in einer größeren Arbeit ausgeführt werden soll. Deshalb fehlen an vielen Stellen der Arbeit ausführliche Kommentierungen der Positionen Bordigas; sie durch längere Zitate von ihm selbst in den groben Umrissen sichtbar werden zu lassen, schien zunächst geboten. Ebenso ist, bei einer Skizze vertretbar und allgemeinhin dem Wunsch nachgebend, ohne überfrachtige Schwierigkeiten auch gelesen zu werden, auf den großen bibliographischen Apparat verzichtet worden. Einige Hinweise mögen dennoch folgen.

1. Bordiga skizziert knapp die Rolle der italienischen Linkskommunisten in seinem ≠Brief an Korsch vom 28.10.1926. Eine Skizze seiner Stellung in der Komintern findet sich in Vfs. "Kommentar zu Bordigas Brief", beides in: Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973, S. 243-263. Hinweise auf Bordigas Rolle bei der Konstitution der KP Italiens im Kampf gegen den Faschismus finden sich in Vf. ≠Arbeiterbewegung und Faschismus. Das Beispiel Italien, in: Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 4, 1976, S. 90-108.

Die Reden und Interventionen Bordigas vor der Komintern liegen auf Deutsch vor in den Protokollen der Weltkongresse (2., 4., 5. Kongreß) und im Protokoll der 6. EKKI-Sitzung vorn Frühjahr 1926. Bordigas Parteiauffassung zu Beginn der 20er Jahre findet sich in den Aufsätzen ≠Partei und Klasse‚ und ≠Partei und Klassenaktion', (deutsch in: "Die Frage der revolutionären Partei", Texte der Intemationalen Kommunistischen Partei 1, o.O., o.J.).

2. Auf Deutsch liegen von Bordigas Texten zur Rußlandfrage nach dem 2. Weltkrieg vor: "40 Jahre organischer Bewertung der Ereignisse Rußlands in der sozial und historisch dramatischen internationalen EntwickIung" (1957) sowie "Acht kurze Thesen über Rußland" (1953) (beide Texte in: ≠Revolution und Konterrevolution in Rußland", Texte der Internationalen Kommunistischen Partei 2, ediz. Programma comunista, Milano). Der im vorliegenden Aufsatz zitierte Text ist der von 1957.

3. Die im Aufsatz aus dem Italienischen übersetzten Zitate Bordigas finden sich in den angeführten Publikationen: A. B. "La Russia sovietica dalla rivoluzione ad oggi" (1946) in: L‚antistalinismo di sinistra e la natura sociale dell‚Urss, herausg. von Bruno Bongiovanni, Milano 1975;

A. B., Proprietà e capitale/Vulcano della produzione o palude del mercato?, herausg. von "Gruppo della Sinistra comunista", o.0., 1972;

≠5 lettere -1 profilo del dissenso', in: Prometeo, Nr. 3, aprile 1952;

,lezioni delle controrivoluzioni', in: I testi della Sinistra comunista 7, o.J. Milano; ≠Dialogato con Stalin', Milano 1953;

≠Dialogato coi morti, Milano 1956;

A. B., La struttura economica e sociale della Russia di oggi, 2 Bände, Milano 1966.

www.left-dis.nl December 13, 2016