Aufruf!

An das internationale kommunistische und mit ihm sympathisierende Proletariat Ÿber die Repressalien gegen die Arbeitergruppe der Kommunistischen Partei Russlands. *

Die Arbeitergruppe der KPR. besteht ausschlie§lich aus Arbeiterkommunisten, welche nicht als Beamte in den Sowjets, Gewerkschaften und Parteiinstitutionen, sondern unmitellbar in den Fabriken und Betrieben arbeiten. EndgŸltig hat sie sich im MŠrz 1923 formiert, indem sie als ideelle Basis fŸr ihre TŠtigkeit das von ihr herausgegebene ³Manifest" angenommen hat. Die herrschende Schicht der KPR, die bŸrgerliche VerlŠge legal bestehen lŠ§t, will aber das legale Auftreten der Arbeitergruppe nicht erlauben, soda§ diese vom ersten Schritt an zu unterirdischer, illegaler Arbeit verurteilt war. Trotzdem begann die Gruppe schnell zu wachsen und sich zu stŠrken.

Wir gehen hier nicht auf alle ihre Prinzipien im einzelnen ein, weil man sich mit ihnen durch das ³Manifest", das in deutscher, russischer und englischer Sprache gedruckt ist, selbst bekannt machen kann. Wir wollen hier nur sagen, da§ die Arbeitergruppe in der Frage der ³Einheitsfront" eine Auffassung vertritt, die sich der Berliner Opposition der KPD. und KAP. nŠhert. Aber die Gruppe begnŸgt sich nicht mit der Frage der ³Einheitsfront" in ihrer DurchfŸhrung in den LŠndern, in denen die Macht der Bourgeoisie gehšrt. sondern wendet sie auch auf die russischen VerhŠltnisse an und kommt dort zu einer ganz anderen Lšsung: Sie hŠlt es nŠmlich fŸr notwendig, da§ die Arbeiterklasse als herrschende Klasse dort Freiheit des Wortes und der Presse haben mu§.

Was alle anderen Fragen anbetrifft, so strebt die Gruppe zur VerstŠrkung der Diktatur des Proletariats durch Heranziehung der Arbeiterklasse an die Verwaltung des Staates und der Industrie mittels Klassen-organisationen: Arbeiterdeputierten-RŠte in den Fabriken und Betrieben und ProduktionsverbŠnde.

Die Arbeitergruppe hat nichts gemein mit der sogenannten ³Arbeiter-Wahrheit", welche zur Liquidierung alles dessen strebt, was an den Errungenschaften der Oktober-Revolution kommunistisch ist und daher ganz menschewistisch ist.

Die Kommunisten aller LŠnder und besonders der proletarische Teil ihrer Parteien, die gehšrt haben, da§ die Arbeitergruppe in illegalen VerhŠltnissen zu existieren gezwungen ist, und die sich mit dem Manifest bekannt gemacht haben, sind sehr erstaunt Ÿber die unkluge Politik des Zentralkommitees der KPR., die dieses der Arbeitergruppe sowie der Arbeiterklasse im ganzen gegenŸber treibt. Aus Furcht vor solchen Wirkungen macht die russische Zentrale alle Anstrengungen, um die Arbeiterklasse ganz einseitig zu informieren, manchmal sogar direkte LŸge anwendend.

Was die Verfolgungen anbetrifft, welche gegen die Arbeitergruppe vorgenommen werden, so wird nicht nur die Arbeiterklasse im Auslande nicht informiert, sondern auch innerhalb Ru§lands darŸber strengstes Geheimnis bewahrt und sogar vor den Zentralen der auslŠndischen Kommunistischen Parteien werden die Tatsachen der Repressalien gegen die Arbeiterkommunisten verschleiert und verschwiegen.

Die Massenverhaftungen, die an den Mitgliedern der Arbeitergruppe verŸbt werden, die Hungerstreiks und Verbannungen nach den sibirischen GefŠngnissen der Genossen G. Mjasnikow, N. Kusnezow, Prostatow u. a. sowie auch die Verbannungen aus Moskau alter derjenigen, die nur in dem Verdacht stehen, mit der Arbeitergruppe zu symphathisieren; alles dies zeigt, inwiefern die Politik der Zentrale der KPR. verderblich ist fŸr die gesamte Arbeiterklasse der Welt.

Gegen die SozialrevolutionŠre, gegen Menschewiki, die Bourgeoisie usw. sind solche UnterdrŸckungsma§nahmen verstŠndlich, aber nie kšnnen die proletarischen Kommunisten aller LŠnder die Verfolgungen gegen die Kommunistische Arbeitergruppe verzeihen. Und diese Linie der russischen Zentrale ist eine Linie der Untergrabung der AutoritŠt, welche die auslŠndischen Arbeiterkommunisten und sowjetrussische Abeiterklasse vor den Augen der werktŠtigen Masse hat: Sie ist verderblich fŸr die ganze proletarische, kommunistische Bewegung.

Wir wollen, da§ die Kommunistischen Parteien aller LŠnder, welche der dritten Internationale angehšren, nachdem sie sich mit dem oben erwŠhnten Manifest bekannt gemacht haben, selbst urteilen, ob die Zentrale der KPR. richtig handelt, indem sie solche Politik fŸhrt, ob sie unsere Arbeit im Kampfe gegen die SozialverrŠter aller LŠnder und die kommunistische Beinflussung der Arbeiterklasse nicht erschwert.

Wir fordern, da§ Ihr Kommunisten aller LŠnder die moskauer regierenden Genossen zwingt, die politischen gefangenen Arbeiterkommunisten zu befreien und Ÿberhaupt die Repressalien gegen die revolutionŠre kommunistische Opposition einzustellen.

Schnell zur Hilfe, Genossen! Mit Gru§

Die Internationale Gruppe der Kommunisten:

Im Namen ihrer Gesinnungsgenossen und eigenen Namen haben unterzeichnet:

Moskowskij (Ru§land) PŸhringer (Deutschl., Berlin) Wasiljeff (Ru§land) L. Bersyn (Lettland) Stranmirowa (Ru§land) Hartz (Deutschl., Hamburg) Ah Akbar (Indien) Bratzky (Polen, Warschau) Berger (Tschechoslovakei) E. Kasakowa (Ru§land) M. Safar (Afganistan) Kurt Steinbrecher (Deutschl.) A. Lepyn (Lettland) E. Lauterbach (Deutschland) Achmed Halijew (Tartar. Rep.)

HŠnde weg von den Kommunismus aufbauenden Arbeitern!

Genossen! Wenn PrŠsident Ebert oder Premierminister Macdonald die revolutionŠren Arbeiter erledigt, so ist dies mšglich, weil hinter ihnen das gesamte BŸrgertum steht. Hinter der Sowjetregierung steht, wie sie selbst immer rŸhmt, nicht die Bourgeoisie. Die Verfolgungen gegen revolutionŠre Arbeiter sind aber in Sowjetru§land viel schrecklicher als in Westeuropa, schon weil man nicht nur die revolutionŠren kommunistischen Arbeiter in die GefŠngnisse wirft, sondern auch ihre Familien in Haft hŠlt. Und das tut man alles, ohne die geringsten Bedenken, ohne RŸcksichtnahme auf die Meinung der Arbeiterklasse und ihrer Institutionen. Man hat eine Sowjetverfassung geschaffen, ein Sowjetverfassungsrecht geschrieben, um es in der Anwendung zu durchbrechen. Nach der RŠteverfassung dŸrfen die Mitglieder der RŠte nur laut Beschlu§ des Plenums des Rates verhaftet werden. Die sowjetadministrative BŸrokratie aber kŸmmert es nicht, stillschweigend die Mitglieder des Moskauer Sowjets Demidow und Bersina ins GefŠngnis zu werfen. Ein Gerichtsverfahren gibt es fŸr die ehrlichen Kommunisten nicht. So geht es vielen, vielen namenlosen und bekannten Genossen. Genosse A. Medwedjew, gegen den man Ÿberhaupt kein autentisches Anklage-material finden konnte, wurde 21 Tage in Haft gehalten und nur ein siebentŠgiger Hungerstreik brachte ihm seine Freiheit wieder.

Die schŠnd- und schmŠhlichsten Repressalien Ÿbte man gegen den bekannten, alten Bolschewik G. Mjasnikow aus, dem die kommunistischen Machthaber bereits einmal im Permer GefŠngnis drei Kugeln in die Zelle lieferten, um sich dieses einflu§reichen und beliebten Arbeiterkommunisten zu entledigen. Die SchŸsse trafen ihn nicht. Mjasnikow wurde freigelassen und ohne Bitterkeit, nein, mit noch vieler Liebe ging er an seine Arbeit. Seine Kritik an den kranken und falschen Tendenzen der RKP. und Sowjetregierung sowie seine Fingerzeige fŸr die Heilung und Richtigstellung fŸhrten jetzt erneut ihn in das sibirische GefŠngnis in Tomsk zu gehen und seine Frau mit zwei kleinen Kindern und einen SŠugling ebenfalls nach Sibirien zu verbannt werden. Die Zarenregierung erachtete die sibirischen GefŠngnisse und SŸmpfe fŸr die barbarischsten Strafen, deren sie ihren Feinden, den RevolutionŠren, antun Ehre und Sowjetru§land schickt heute seine besten KŠmpfer und revolutionŠrsten kommunistischen Genossen in die gleichen Kerker und ungesunden SŸmpfe.

Den Genossen Kusnezow, Prostatow und vielen mehr ging es genau so. Die Frau von Kusnezow wurde mit zwei kleinen Kindern (das jŸngste ist zwei Monate) nach Bernaul verjagt und Genossin Prostatowa schickte man mit 5 Kindern nach Semipalatinsk (Sibirien).

Genossen! Wenn wir die bŸrgerlichen Regierungen zwingen kšnnen, unsere KampfbrŸder zu befreien, so kšnnen wir von der Sowjetregierung hundertmal mehr verlangen, das zu tun. Durch Organisierung von Forderungen der internationalen Arbeiterschaft, durch den Druck auf die Vertreter der Komintern und der Sowjetregierung im Auslande, mŸssen wir die Arbeiter-RevolutionŠre, unsere BrŸder von unserem Geist und Blut, aus den HŠnden der aristokratischen FŸhrer RŠteru§lands, die durch ihre Machtpositionen von Grš§enwahn befallen und mit Blindheit geschlagen sind, entrei§en.

In allen Euren Versammlungen, Genossen, nehmt Resolutionen an zur sofortigen Freilassung von Mjasnikow, Kusnezow, Prostatow, Demidow, Bersina und den vielen anderen revolutionŠren Opfern. Fordert von der KPR. und Dritten Internationale die sofortige Aufhebung der UnterdrŸckungen und Repressalien gegen alle revolutionŠr gesinnten kommunistischen Proletarier.

Beweist, dass wenn die russischen StaatsmŠnner keine Gefahr darin erblicken, die mit dem Weltkapital und der Gendarmerie verbŸndeten bŸrgerlichen Banditen KirchenvŠter, konterrevolutionŠren GenerŠle und Kadetten frei zu lassen und Amnestie zu geben, die Hunderte von Genossen, aus denen wir hier unter anderem noch aufzŠhlen kšnnen Genossen Ssorwin, Kotschnow, Tiunow, Jliin, Michailow, Moiceew, Matrosow, Polosow, Baranow, die mit aller ihrer Kraft, ihrer ganzen Seele und ehrlichem Herzen fŸr die Verwirklichung der proletarischen Diktatur und Erhaltung der Oktobererrungenschaften kŠmpfen, frei sein mŸssen.

Nur mittels internationaler, proletarischer SolidaritŠt kšnnen wir die uns gleichgesinnten kommunistischen Gefangenen von der gegen sie gerichteten unkommunistischen Abrechnung verteidigen.

Genossen! Kommunisten! Sympathisierende! La§t uns von der RKP., der Dritten Internationale und Sowjetru§land mit vereinten KrŠften fordern:

HŠnde weg von den Kommunismus aufbauenden Arbeitern!

Entwurf einer Anschlu§ - Resolution, die in allen kommunistischen Versammlungen, FunktionŠrsitzungen, Bezirks- und Parteikonferenzen und auf dem Parteitag und 5. Kongre§ der K.I. angenommen werden sollte.

Die Anwesenden der am . . . . (Datum) stattgefindenen Versammlung (Konferenz/Sitzung) der (Organisation) in (Ort), die sich mit den Bestrebungen der russ. Arbeitergruppe, ihrer Geschichte und Repressalien bekanntgemacht haben, schlie§en sich der Forderung der internationalen Gruppe der Kommunisten an und beauftragen die dies unterzeichnenden Genossen ihre Forderung an die Zentrale der KP., an die Sowjetvertretung, an die Exekutive der Komintern und an die Sowjetregierung nach Moskau weiterzuleiten. (Unterschriften)


* Flugblatt der Kommunistischen Arbeiter-Internationale (KAI), Berlin, 1923.